Politik : Proteste gegen stiefmütterliche Behandlung

Der Tagesspiegel

Von Stefan Jacobs und Katharina von Münster

Mitte. Mehrere hundert Tagesmütter, Eltern und Kinder haben gestern vor dem Roten Rathaus gegen Einsparungen bei der Kindertagespflege protestiert. Den Anstoß für die Demonstration hatten die radikalen Kürzungspläne des Bezirkes Tempelhof-Schöneberg gegeben, wo beispielsweise frei werdende Plätze bei Tageseltern – wie berichtet – künftig nicht mehr neu vergeben werden sollen. Aber auch aus anderen Bezirken waren Demonstranten angereist. Unter Pfiffen überreichten sie dem Referatsleiter der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, Klaus Lehmann, Unterschriftenlisten und Protestschreiben.

„Wir müssen mindestens 100 Plätze einsparen“, sagt Wolfgang Mohns, Leiter des Fachbereiches Tagesbetreuung für Kinder in Tempelhof-Schöneberg. Statt der bisher knapp 950 Kinder, die in der Tagespflege versorgt werden, könne man nur noch bis zu 850 Plätze finanzieren. Stets habe man in den vergangenen Jahren für die Betreuung mehr ausgegeben als im Etat vorgesehen. Jedoch habe bisher der Senat den Großteil dieser Defizite übernommen. Diese Regelung solle nun aufgehoben werden, so dass der Bezirk selbst dafür aufkommen müsse.

„Der Bezirk hat über seine Verhältnisse gelebt“, kritisiert Eveline Ergang-Mauser, Vorstandsmitglied des Arbeitskreises zur Förderung von Pflegekindern e.V.. Ihr Verein kümmert sich um die Vermittlung und die Belange von knapp 600 Berliner Tagesmüttern. Noch hat die BVV die Kürzungen nicht abgesegnet. Aber sollten sie kommen, fürchten die über 100 privaten Betreuerinnen aus Tempelhof-Schöneberg um ihre Existenz. „Wir werden ausgeblutet“, sagt Jutta Schneider, selbst Tagesmutter in Tempelhof. Weniger Vermittlungen von Plätzen durch das Bezirksamt würden für viele Tagesmütter finanzielle Einbußen bedeuten. Und kaum ein Elternpaar könne es sich leisten, die Betreuung privat zu finanzieren. Von den Kürzungen seien aber nicht nur die Tagesmütter, sondern auch die Eltern der Kinder betroffen, meint Ergang-Mauser. „Es wäre ein Drama“, stimmt Ulrike Willingmann, Mutter zweier kleiner Kinder, zu. Wenn die Möglichkeiten für Mütter, ihre ein- bis dreijährigen Kinder tagsüber unterzubringen, noch weiter eingeschränkt würden, bedeute das für viele eine Rückkehr an den Herd. „Entweder man gibt sich damit zufrieden, oder man bekommt erst gar keine Kinder mehr“, kritisiert sie.

In anderen Bezirken scheint die Situation nicht ganz so düster zu sein – oder die schlechten Nachrichten sind zumindest noch nicht spruchreif, weil die Zuweisungen des Landes an die Bezirke erst für den morgigen Freitag erwartet werden. In Charlottenburg-Wilmersdorf wurden im vergangenen Jahr 3,92 Millionen Euro für die Tagespflege ausgegeben. Für das laufende Jahr ist zunächst eine Steigerung auf 4,14 Millionen Euro avisiert. „Aber was davon Bestand haben wird, können wir erst absehen, wenn wir die harten Zahlen haben“, sagt Jugendstadtrat Reinhard Naumann (SPD).

Naumanns Kollegin in Steglitz-Zehlendorf, Anke Otto (Grüne), wartet mit Sorge auf die Zahlen vom Senat: „Wir rechnen bisher nur mit fiktiven Zahlen wild hin und her.“ Entscheidungen seien noch nicht gefallen, „aber problematisch wird in diesem Jahr alles.“ Rund 3,5 Millionen Euro waren im Bezirkshaushalt 2001 für die Tagespflege eingeplant – und weniger dürfe es auch in diesem Jahr möglichst nicht werden. Das Geld reicht bisher für die Betreuung von etwa 650 Kindern bei 190 Tagesmüttern. Stadträtin Otto sieht die Betreuung durch Tageseltern vor allem als kurzfristig verfügbare Alternative zu öffentlichen Einrichtungen. Ein Punkt, den Eltern im Bezirk zu schätzen wissen: Sie loben vor allem die „Tagespflegebörse“, über die sie auch noch auf den letzten Drücker eine Bleibe für ihre Sprösslinge finden können. Aber: Der Kindernotdienst, der sich um abends im Kindergarten „vergessene“ Kinder gekümmert hat, ist schon gestrichen worden.

Allerdings kommen nicht aus allen Rathäusern nur Hiobsbotschaften: In Reinickendorf soll die Betreuung von 420 Kindern bei etwa 180 Tagesmüttern oder -eltern voll erhalten bleiben. „Ich war ein bisschen überrascht zu hören, wie das in Tempelhof-Schöneberg läuft“, sagt Fachbereichsleiter Gerhard Brändike. Auch im Großbezirk Mitte reicht das Geld zurzeit noch aus und „lässt auch noch einen kleinen Spielraum für Neuaufnahmen“, wie die dortige Verantwortliche Karin Jürgensen sagt. Mit über 2,6 Millionen Euro stehe der Posten im laufenden Haushalt. Für den Bezirk sei die Finanzierung der Tageseltern pro Kind eher günstiger als ein Kita-Platz.

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