Proteste gegen Stuttgart 21 : Dampf im Kessel

Familien mit Buggys, Frauen im Hosenanzug, Jugendliche im Kapuzenpullover: Immer größer wird der Protest gegen den Neubau des Stuttgarter Bahnhofs. Und immer größer auch die Sorge der Organisatoren, ob sie alles noch unter Kontrolle behalten. Es braut sich etwas zusammen im Neckartal.

Eva Wolfangel[Stuttgart]

Sie tanzen nach seiner Pfeife. Die Pfeife baumelt an einem roten Band um den Hals von Walter Sittler. Sie ist seit Wochen sein wichtigstes Utensil. Der Schauspieler steht auf der Rednertribüne vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof, hebt die Hände und fängt an, von zehn abwärts zu zählen. Bei „8“ stimmen die 40 000 Menschen auf der Freitagsdemonstration mit ein, 7, 6, 5, 4. Bei „1“ holt Sittler tief Luft, bei „0“ bläst er in die Pfeife: Auf vom Platz vor ihm ertönt ohrenbetäubender Lärm. Die Menschen trillern, trommeln, schreien. Nach genau einer Minute hebt Sittler wiederum die Arme und streicht wie ein Dirigent quer durch die Luft. Schlagartig Ruhe. „Oben bleiben!“, skandiert der Schauspieler dann den Schlachtruf der Gegner des geplanten Tiefbahnhofes. Der Stuttgarter Talkessel hallt wider vor Protestrufen.

„Wir sind an einem kritischen Punkt unseres Protestes angekommen“, ruft Sittler in die Menge. Der Widerstand ist stetig gewachsen. Bis zu dreimal wöchentlich treffen sich Tausende zu Großdemonstrationen gegen die Pläne, den bisherigen Kopfbahnhof für 4,1 Milliarden Euro unter die Erde zu legen. Sie blockieren Straßen, besetzen den Bahnhof und versuchten sogar, den Landtag zu stürmen. Seit Wochen gibt es zudem täglich mehr als 30 Kleindemonstrationen, die in Stuttgart „Schwabenstreich“ heißen. Die Republik schüttelt derweil ungläubig den Kopf. Was ist in die Schwaben gefahren? Wer die eigene Dynamik der Stuttgarter Protestbewegung verstehen will, der begleitet Walter Sittler am besten einige Tage. Denn der 57-jährige Schauspieler ist eine Art Anführer der Bewegung geworden – auch wenn er selbst manchmal nicht versteht, wie ihm geschieht.

Montags spuckt ein Taxi Walter Sittler an einer Kreuzung in bester Stuttgarter Halbhöhenlage aus. Mit seinen Wanderstiefeln, dem braunen Parka und dem weißen Wollpullover wirkt der großgewachsene Mann in dieser noblen Wohngegend wie ein Wanderer, der sich verlaufen hat. Dann hält ein Linienbus neben ihm, ein Teenager springt heraus und klopft Sittler auf die Schulter: „Der Schwabenstreich ist gleich hier, auf der Verkehrsinsel.“ Aus den Seitenstraßen kommen Familien mit Dreirädern und Buggys, junge Frauen im Hosenanzug, Männer in Jacketts, Jugendliche in Kapuzenpullovern und ältere Paare mit Hut und Stock. Sie alle streben zur Verkehrsinsel in der Mitte der Straße, packen dort Töpfe, Deckel, Kochlöffel, Vuvuzelas und Trillerpfeifen aus. Punkt 19 Uhr hebt Sittler die Arme, die Menschen tröten und trommeln, was das Zeug hält. Nach einer Minute zieht Sittler wieder eine Linie durch die Luft, die Menschen hören auf zu lärmen, sie umringen ihn, sagen „schön, dass Sie bei uns waren, bis morgen“, und gehen nach Hause.

Täglich um 19 Uhr spielen sich an Kreuzungen und Plätzen ähnliche Szenen ab. Eine Minute Lärm gegen das Bahnprojekt direkt vor der Haustür, die Nachbarn treffen, einen Plausch halten. Die Protestminute zwischen Feierabend und Abendessen ist effizient, kommunikativ und bereitet sichtlich Vergnügen. Dadurch ist der „Schwabenstreich“ eine der erfolgreichsten Aktionsformen gegen Stuttgart 21 geworden. Sogar in Berlin gibt es inzwischen einen „Schwabenstreich“.

Walter Sittler, der gewöhnlich den gewieften Kommissar und den charmanten Familienvater spielt, hat sich die Aktionsform mit seiner Frau Sigrid ausgedacht: „Wir demonstrieren seit Wochen und werden immer mehr, aber die Verantwortlichen hören nicht auf uns“, sagt er, „wir brauchten deshalb eine Aktionsform, die sie hören müssen, überall in der Stadt.“

Der Unmut der Stuttgarter ist groß. Auf den Straßen tummelt sich ein Querschnitt durch die Bevölkerung: Da ist die langjährige SPD-Abgeordnete im Ruhestand. Daneben steht ein junger Bauingenieur mit Aktentasche. „Das Projekt ist doch schöngerechnet worden, es wird noch viel teurer“, glaubt er. Auf insgesamt elf Milliarden schätzt das Bundesumweltamt die realen Kosten für den Tiefbahnhof und die Neubaustrecke nach Ulm. „Wenn das mal reicht“, schimpft der junge Mann, „hier werden Milliarden verschleudert, und das, wo es in dieser Stadt nicht mal genügend Kindergartenplätze gibt.“

Die Demonstranten sind gut informiert, sie kennen die Gutachten über Stuttgart 21, das Vokabular der Bauindustrie, den Haushaltsplan der Stadt. Vor dem Bauzaun am Hauptbahnhof sammelt sich das Wissen von Ingenieuren, Kulturschaffenden und Angestellten der Stadt. Gemeinsam mit bunthaarigen Jugendlichen schreien sie gegen den Bagger an, der den Nordflügel des Bahnhofs abreißt: „Aufhören, aufhören!“

Wie viele von ihnen investiert auch Walter Sittler jede freie Minute in den Protest. Wenn der Schauspieler mal nicht in der Menge am Bahnhof steht, tingelt er mit seinen „Schwabenstreichen“ durch die Stadt wie ein Bürgermeisterkandidat auf Wahlkampftour. Und wahrscheinlich hätte er in diesen Tagen gute Karten gegen den amtierenden Oberbürgermeister Wolfgang Schuster von der CDU. Aber nein, sagt er, er wolle lieber Schauspieler bleiben. An Schuster lässt er kein gutes Haar. „Der redet Unsinn, wenn er sagt, aus dem Projekt könne man nun nicht mehr aussteigen, selbst wenn die Mehrheit der Bürger dagegen wäre. Jeder Jurastudent im zweiten Semester weiß, dass man Bauverträge kündigen kann.“ Das würde zwar eine Konventionalstrafe kosten, „aber zugleich viele Milliarden für ein unsinniges Projekt sparen“. Sittler ist um keine Antwort verlegen. Er kann die bahnkritischen Gutachten aus dem Kopf zitieren. Dass er mit seinem Kampf ein bisschen zu spät kommt, lässt er nicht gelten: „Die zentralen Informationen wurden bisher unter Verschluss gehalten.“ Auch Bahnchef Rüdiger Grube räumt am Samstag im SWR ein, dass die Kommunikation rund um den Bau „sehr, sehr schlecht gelaufen“ sei. Erstmals schlug er für September ein Treffen mit den Gegnern von Stuttgart 21 vor.

Oberbürgermeister Schuster und die Verantwortlichen für das Großprojekt sind derzeit kaum mehr in der Öffentlichkeit zu sehen. „Die da oben sind so was von nervös“, grinst Sittler, „menschlich gesehen tut mir Schuster leid.“

Sittler ist sichtlich bedacht darauf, es sich mit niemandem zu verscherzen. Er hört geduldig zu, er pflichtet jedem bei. „Ja, das ist ein sehr wichtiges Argument“, sagt er oft und nickt dabei mit demonstrativ nachdenklichem Blick, auch wenn sein Gegenüber absurde Gründe gegen den Tiefbahnhof anführt. Er selbst bleibt dabei ungreifbar. Seine Position zur Frage, wie weit der Widerstand gehen darf, lässt er im Ungefähren.

Auch wenn er gerne betont, er wolle im Alltag authentisch sein, spielt Sittler eine Rolle. Er weiß, dass sich die Menschen mit ihm wie mit seinen Fernsehrollen identifizieren: „Ich bin nun mal immer der Gute, der es am Ende irgendwie hinbekommt.“

Dabei ist Walter Sittler alles andere als ein Revoluzzer. Der Sohn eines Literaturprofessors wurde als achtes Kind in Chicago geboren. Seit er sechs ist, lebt er in Deutschland, seine Schulzeit verbrachte er am Eliteinternat Schloss Salem. Schauspieler wurde er eher zufällig, als er sich nach einer Feier an der Falckenbergschule für Schauspiel in München bewarb. Seit seinem Engagement 1988 am Staatstheater lebt er in Stuttgart. Er hat drei erwachsene Kinder, wirbt hier mal für SOS-Kinderdörfer, spielt dort mal für eine Waldorfschule.

Das erste Mal in seinem Leben engagiert sich Sittler so kompromisslos für eine Sache. Was treibt ihn auf die Straße? „Diese Stadt ist die Heimat meiner Kinder. Wenn die Verantwortlichen Stuttgart in den Ruin treiben, muss man aufstehen“, sagt er. Auch er habe anfangs gedacht, „die werden schon wissen, was sie tun“, wie viele Stuttgarter. Doch dann kamen immer mehr Informationen zutage. Gutachten über die Schwachstellen des Projektes, Warnungen von Geologen wegen des löchrigen Stuttgarter Untergrundes, steigende Kosten in Milliardenhöhe. „Wir wurden hinters Licht geführt“, schimpft er.

Inzwischen hat sich der Protest verselbstständigt. Es geht längst nicht mehr nur um einen Bahnhof. Es geht um das Gehörtwerden bei denen „da oben“. Die grünen Anstecker mit dem Slogan „Oben bleiben“ sieht man in der ganzen Stadt, mit jedem anrückenden Bagger und jedem abgerissenen Stein des alten Bahnhofs steigt die gefühlte Temperatur im Stuttgarter Talkessel. Und mit jeder Demo: „Manchmal muss man gegen Gesetze verstoßen, um gehört zu werden“, sagt Sittler vor Tausenden am „Kulturmittwoch“, der jede Woche am Nordflügel des Bahnhofes stattfindet, eine weitere Aktionsform. Eigentlich wollte er Gedichte vortragen, aber neue Auflagen des Ordnungsamtes haben die Pläne vereitelt. Stattdessen diskutieren die Demonstranten nun öffentlich über ihre Aktionen: Nach der Montagsdemo hatten einige den Bauzaun aufgebrochen, Hunderte folgten und besetzten den Bauplatz für einige Stunden.

„Na und, ist doch nichts passiert“, hat Sittler auf dem Treffen des Organisationsbündnisses am Vortag noch gesagt und einen wütenden Blick des linken Stadtrats Gangolf Stocker kassiert. Die Angst der Organisatoren ist groß, dass ihnen die Fäden aus der Hand gleiten könnten. Besonders unberechenbar ist die Gruppe „Parkschützer“. Das Netzwerk aus großteils jungen Leuten ist zwar Teil des Bündnisses, aber den älteren Herren um den Linken-Stadtrat Gangolf Stocker irgendwie unheimlich. Die Aktivisten organisiert sich über das Internet und per SMS, sie üben Blockaden und trainieren, an Bäumen angekettet möglichst lange durchzuhalten. Und sie sind viele: Mehr als 22 000 Menschen haben sich auf der Internetseite parkschuetzer.de registriert, darunter einige, die den Bauzaun lieber heute als morgen niederreißen wollen. „Ich bin zwiegespalten“, bekennt Sittler, „ich finde solche Aktionen nicht schlecht.“ „Wir bleiben friedlich“, sagen die Leute um Stocker. Manchmal klingt es wie eine Beschwörung.

Die Ernüchterung trifft Sittler am nächsten Tag. Am Gartentisch auf seiner Terrasse erzählt er über die vergangene Nacht, als die Bagger anrückten. Um 23 Uhr bekam er eine SMS der „Parkschützer“ mit dem Aufruf zur Blockade. Ohne zu zögern fuhr er mit seiner Frau zum Bahnhof. „Um drei Uhr morgens konnte ich nicht mehr“, sagt er. Die Bagger kamen erst um fünf. Die wenigen verbleibenden Demonstranten waren schnell weggetragen. „Nachts haben wir keine Chance“, sagt Sittler bleich. Er fällt das erste Mal ein wenig aus der Rolle. Eigentlich müsste er dringend seinen Text für das neue Zwei-Personen-Stück „Gut gegen Nordwind“ lernen, das er ab September in München probt. Aber heute klappt es nicht, er ist unkonzentriert.

„Oben bleiben, oben bleiben“, rufen die Demonstranten am Bahnhof, als der Schauspieler dazukommt. Die ganze Nacht haben sie dort ausgeharrt. Abends hatten Tausende die Straßen blockiert und den Verkehr rund um den Bahnhof zum Erliegen gebracht. Nun sind noch einige Hundert dort und versperren die Zufahrt zum Baugelände. Viele sehen müde aus. Manche haben Tränen in den Augen, nicht nur vom Staub der Abrissbirne, die große Krater in den Nordflügel schlägt.

Als die Sonne herauskommt, entspannt sich die Stimmung. Eine Mutter und ihre Tochter breiten eine Picknickdecke aus und ziehen dicke Bücher aus ihren Taschen. Durchhalten. „Ich muss zur Arbeit“, verabschiedet sich ein anderer, „bis später.“ Die Menschen berichten von Chefs, die ihren Mitarbeitern für die Demos frei geben. „Wir müssen diese Blockade jetzt lange durchhalten“, sagt Sittler unter einem Baum im Kreis der Organisatoren. „Wir sollten in Schichten schlafen.“ In seinem Gesicht spiegeln sich Sorgen. Die sieht man nur, wenn er müde ist.

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