Proteste : "Tag des Zorns" in Syrien

Trotz scharfer Warnungen des Regimes und massiver Militärpräsenz sind in Syrien erneut zehntausende Demonstranten auf die Straßen gegangen und haben den Sturz von Präsident Bashar al Assad gefordert. Erstmals schließt sich die Muslimbruderschaft dem Protestaufruf an.

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Protest. Demonstranten verbrennen ein Bild von Syriens Staatschef Assad.
Protest. Demonstranten verbrennen ein Bild von Syriens Staatschef Assad.Foto: AFP

Trotz scharfer Warnungen des Regimes und massiver Militärpräsenz sind am Freitag in Syrien erneut zehntausende Demonstranten auf die Straßen gegangen und haben überall im Land den Sturz von Präsident Bashar al-Assad gefordert. In der Hauptstadt Damaskus sowie in allen größeren Städten feuerten Sicherheitskräfte in die Menge - nach einem ersten Überblick am Abend starben mindestens 32 Personen, darunter 12 allein in Homs. Eine Woche zuvor waren mehr als 120 Demonstranten ums Leben gekommen. „Wir fordern den Sturz des Regimes“, skandierten die Menschen, „Allah, Syrien, Freiheit und sonst nichts“ sowie „Solidarität mit Daraa“. Zum ersten Mal seit Beginn der Unruhen Mitte März hatte sich auch die Muslimbruderschaft dem Aufruf zum „Tag des Zorns“ auf Facebook angeschlossen. „Ihr seid frei geboren, also lasst euch nicht von dem Tyrannen versklaven“, hieß es in dem Manifest der syrischen Exilführung. In der von der Armee belagerten Stadt Daraa hinderten Soldaten die Bewohner, zum Freitagsgebet zu gehen. Tausende von Bauern, die aus den umliegenden Dörfern die Blockade der Stadt brechen und Lebensmittel bringen wollten, wurden mit einem Kugelhagel empfangen. Nach Angaben lokaler Ärzte starben 15 Menschen.

Unterdessen mehren sich die Berichte von Befehlsverweigerung und Meuterei bei regulären Truppenteilen. In einem Video vom Dienstag, dass jetzt erst online gestellt wurde, sind am Stadtrand von Daraa zwei Panzer und ein Dutzend Uniformierte zu sehen, die von den Bewohnern gefeiert werden und sich offenbar mit diesen verbündet haben. Ein Augenzeuge berichtete im Fernsehsender „Al Jazeera“, Soldaten der 5. Division, die überwiegend aus Wehrpflichtigen besteht, hätten sich vor der Omari- und der Bilil-Moschee im Stadtzentrum stundenlange Feuergefechte mit den Elitetruppen der 4. Division geliefert, die unter dem Kommando von Assad-Bruder Maher al-Assad stehen. Dessen Soldaten rekrutieren sich aus Alawiten, einer schiitischen Minderheit aus der Region der Küstenstadt Latakia, der auch der Assad-Clan sowie die meisten hohen Militärs angehören. Ein anderer Augenzeuge erklärte, er habe mindestens 20 Soldaten gesehen, die sich von ihrer Einheit angesetzt und in ein Wohnhaus geflüchtet hätten. Zwei von ihnen seien dabei niedergeschossen und getötet worden.

Nach Angaben der Bewohner aus Daraa gehen die Essensvorräte zur Neige. Das Militär lasse keine Lebensmittel in die Stadt und habe alles verbliebene Mehl in den Bäckereien konfisziert. Strom, Wasser und Telefon sind seit Tagen unterbrochen.

Die USA haben am Freitag Vertraute von Staatschef Assad mit Sanktionen belegt. Wie das Weiße Haus mitteilte, richten sich die Strafmaßnahmen gegen Assads Bruder Mahir sowie weitere ranghohe Vertreter von Militär und Geheimdiensten. Unterdessen einigten sich die ständigen Botschafter bei der Europäischen Union im Grundsatz auf Sanktionen gegen die syrische Führung., darunter ein Waffenembargo. Auch könnten die millionenschweren Hilfszahlungen der Union eingefroren werden, berichteten Diplomaten. Eine Mehrheit des UN-Menschenrechtsrats forderte Syrien auf, eine internationale Kommission ins Land zu lassen. Sie soll mutmaßliche Verletzungen von internationalen Menschenrechten untersuchen. In der von den USA entworfenen Resolution verurteilte das Gremium „einhellig den Einsatz tödlicher Gewalt gegen friedliche Demonstranten“ durch die syrische Regierung.

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