Protestforscher Simon Teune : „Ansteckungseffekt über das Internet“

Der Protestforscher Simon Teune spricht im Interview über die Chancen der "Occupy"-Bewegung, weltweit Wirkung zu erzielen.

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Herr Teune, die Bewegung „Occupy Wall Street“ findet immer mehr Anhänger. Kann sich daraus eine globale Protestfront entwickeln?

Es ist ja ein Irrtum, dass diese Bewegung in den USA entstanden ist. Vielmehr hat man sich dort die europäischen Protestbewegungen etwa in Israel, in Spanien oder in Griechenland zum Vorbild genommen. Und bei all dem gibt es Anleihen beim Arabischen Frühling, von dem die Form der Platzbesetzungen übernommen wurde. Das ist ein Prozess gegenseitiger Dynamisierung. Dadurch, dass die Aufmerksamkeit für das, was jetzt in den USA passiert, so groß ist, erhöhen sich die Chancen, dass auch in Europa mehr Leute auf die Straße gehen.

Wie groß ist die Massenwirksamkeit der Occupy-Bewegung?

In all den genannten Ländern war nicht vorhersehbar, dass sich die Proteste in diesen Größenordnungen entwickeln. Auch in den USA hat es sehr klein angefangen. Durch die Polizeiaktionen haben dann immer mehr Menschen mit den Demonstranten sympathisiert. Bei diesen Protesten, die sehr stark über das Internet organisiert werden und nicht so stark von den klassischen politischen Akteuren geprägt sind, ist die Dynamik schwer abzuschätzen. Zumindest scheint es keine Episode zu sein, sondern tatsächlich eine globale Bewegung.

In Deutschland sind die sozialen Gegensätze längst nicht so ausgeprägt wie in den USA oder anderen Ländern. Auch von den Auswirkungen der Schuldenkrise ist noch nichts zu spüren. Ist trotzdem auch hierzulande mit einem größeren Mobilisierungspotenzial zu rechnen?

Soziale Ungleichheit übersetzt sich nicht eins zu eins in Protest. Die Leute, die jetzt bei der Occupy-Bewegung auf die Straße gehen, sind nicht die, die es am schlimmsten trifft. Entscheidend ist das eigene subjektive Empfinden der sozialen Situation und die Wahrnehmung, durch Proteste etwas ändern zu können. Die Proteste werden sehr stark von den Mittelschichten getragen. In Griechenland und Spanien sehen sie sich durch die Schuldenkrise stark von Abstieg und existenzieller Not bedroht.

Gewinnt die Protestbewegung insgesamt an Fahrt durch die regionale, nationale und globale Vernetzung?

Schon die globalisierungskritische Bewegung hat sich länderübergreifend über das Internet verständigt, damals noch über Email-Listen und weniger über soziale Netzwerke wie heute. Jetzt gibt es über das Internet einen sehr starken Ansteckungseffekt. Die Leute sehen an einem Ort, was an einem anderen Ort passiert und nehmen das als Ermutigung wahr. Das war zuerst der Arabische Frühling mit der Erkenntnis, dass man autoritäre Regime umwerfen kann. Von den Spaniern ist die Besetzung eines zentralen Platzes dann auf die liberalen Demokratien übertragen worden. Dort soll kein autoritäres Regime überwunden werden, sondern die Fixierung auf die Finanzmärkte und die Abkopplung politischer Entscheidungen von der Lebenssituation der Mehrheit.

Wie groß ist die Gefahr, dass es bei den jetzt angekündigten Protesten zu Radikalisierungen kommt?

Die scheint mir sehr klein zu sein. Es gibt die Festlegung auf nichteskalative Formen des Protestes. Das ist auch Teil des Erfolgsgeheimnisses – nur deshalb sind so viele Leute auf der Straße. Man hat ja an allen Orten schon gesehen, dass die Polizei sehr brutal gegen Platzbesetzer vorgegangen ist. Aber die Demonstranten sind trotzdem bei ihrem gewaltfreien Protest geblieben. Man kann davon ausgehen, dass sich daran nichts ändern wird.

Simon Teune ist Protestforscher und Promotionsstipendiat am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). Das Gespräch führte Matthias Schlegel.

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