Prozess gegen Deutsch-Marokkaner : Vom Philosophen zum Terrorhelfer?

In Schleswig hat der Prozess gegen den Deutsch-Marokkaner Redouane E. H. begonnen. Doch was der mutmaßliche Terrorhelfer erzählt, passt nicht zum Bild eines Al-Qaida-Kämpfers.

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Sicherheitsmaßnahmen im Oberlandesgericht Schleswig. -Foto: dpa

SchleswigWenn Redouane E. H. aus seinem Leben erzählt, so scheint es, als habe dieses sich in zwei Welten abgespielt. Die eine ist die des Intellektuellen und Lebemanns, der in Marokko ein Philosophiestudium abgeschlossen und die deutsche Sprache gelernt hat, um Heidegger im Original lesen zu können, der zwar schüchtern, aber in seiner zweiten Heimat Kiel gut integriert ist und als Disco-Türsteher "Party machen und dafür Geld nehmen" kann. Dieses Leben findet im August 2003 ein abruptes Ende. Der plötzliche Tod seines Bruders macht aus dem heute 37-Jährigen "eine andere Person", er kapselt sich ab, wendet sich dem Islam zu. Weil er 2005 zudem begonnen haben soll, das Terrornetzwerk Al Qaida zu unterstützen, steht er nun in Schleswig vor Gericht.

Es ist ein freundlich wirkender Mann mit wachem Blick, der auf der Anklagebank des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts (OLG) Platz nimmt. Sein weißes Oberhemd hat er bis zu den Ellbogen aufgekrempelt, er trägt einen kurzen schwarzen Kinnbart. Die dunklen zurückgekämmten Haare verraten einen ersten Grauschimmer. Seit etwas mehr als einem Jahr sitzt er in Lübeck in Untersuchungshaft, nach Angaben seines Verteidigers Thomas Piplak weitgehend isoliert von den anderen Gefangenen und fast ohne Möglichkeit der deutschen Lektüre. Die deutsche Sprache geht ihm dennoch fließend von den Lippen; nur zu den Vorwürfen gegen ihn wird er sich am ersten Prozesstag nicht äußern.

Bundesanwalt: Angeklagter wurde zu "einem Rädchen" im Netzwerk von Al Qaida

Bundesanwalt Matthias Krauß zufolge war E. H. "ein Rädchen" im Terrornetzwerk Al Qaida, "damit die Maschinerie am Laufen blieb". Laut Anklage gründete er im Sommer 2006 von Kiel aus gemeinsam mit vier Mitstreitern eine eigene terroristische Organisation, um im Sudan eine Front gegen den Westen und einen islamischen Gottesstaat aufzubauen. Zuvor habe er im August 2005 einen Treueeid auf Al-Qaida-Chef Osama bin Laden geleistet und seither dem Netzwerk mehrfach Geld überwiesen und Dschihad-Kämpfer in den Irak vermittelt. Dies habe sich über das Internet abgespielt, sagt Krauß; zum Beweismaterial zählen 512.000 Chat-Protokolle und andere Computerdateien.

Zuletzt habe er in Kiel einen Online- und Telefonshop betrieben und viel Zeit in Chaträumen verbracht, so viel sagt E. H. nach der Anklageverlesung den Richtern des I. Strafsenats. Ursprünglich habe er Jura studieren wollen, aber aufgrund seiner Schüchternheit die lange Menschenschlange bei der Einschreibung an der Uni seiner Geburtsstadt Casablanca gemieden. So kam er zur Philosophie, Psychologie und Soziologie: "Ich habe mich an der Uni Rabat in der kleinsten Menschenschlange eingeschrieben", erinnert sich E. H. Um Philosophen aus Deutschland nicht mehr nur in der französischen oder arabischen Übersetzung lesen zu können, habe er bereits dort begonnen, ihre Sprache zu lernen.

Doktorarbeit über Heidegger

So sei er nach Kiel gekommen, um seine Doktorarbeit über Martin Heidegger fertigzustellen. Doch sein Magisterabschluss wurde nicht anerkannt, im Studium wiederholte sich vieles, und das Geld reichte nicht - er sei "häufig arbeiten gegangen". Er habe bei Umzügen angepackt, sich später in der größten Disco der Stadt verdingt. Er heiratete 1998, doch die Ehe hielt nur drei Jahre, weil er "an einem Ort arbeitete, wo man leicht an Frauen kommt" und viel Alkohol trinke. Manchmal sei seine Frau zu Recht eifersüchtig gewesen, bedeutet E. H. den Richtern viel sagend. Eine Umschulung zum Industriekaufmann habe er 2003 erfolgreich absolviert, "es war eine gute Zeit", er habe sich frisch verliebt.

Im August 2003 kam für E. H. der "Wendepunkt, der mein Leben total verändert hat". Er habe gerade mit seiner neuen Freundin gechattet, als der Vater anrief und vom Tod des Bruders berichtete, sagt der Angeklagte. Er muss schlucken, sein Vortrag stockt. Er habe Handyvertrag und Job gekündigt, seine Beziehung beendet, mit dem Rauchen aufgehört, alte Fotos und selbst geschriebene Gedichte verbrannt. Fortan habe er gebetet, im Koran gelesen und das Haus lange Zeit nur noch verlassen, um die Moschee zu besuchen. Er habe "Zuflucht in der Religion" gefunden, sagt er auf Nachfrage seines Verteidigers. Später habe er den Internetshop eröffnet. Ob er von hier aus Terroristen unterstützte und selbst terroristische Aktivitäten plante, werden die Richter festzustellen haben. (mit AFP)

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