Politik : Prozess gegen ehemalige DDR-Grenzer eröffnet

Andreas Frost

Drei angeklagte ehemalige DDR-Grenzaufklärer haben bestritten, einen der spektakulärsten "Grenzverletzer" der deutsch-deutschen Geschichte mit Absicht getötet zu haben. Vor dem Landgericht Schwerin schilderten sie gestern zu Prozessbeginn den Tod Michael Gartenschlägers als Folge eines Schusswechsels in der Dunkelheit an der DDR-Staatsgrenze zwischen Holstein und Mecklenburg. Dort hatten die drei westlich des Zaunes - aber noch auf DDR-Gebiet - in der Nacht zum 1. Mai 1976 jenem DDR-Dissidenten aufgelauert, der in den Wochen zuvor zwei der heimtückischen Selbstschussautomaten "SM 70" abgebaut hatte. Mit diesem Coup hatte Gartenschläger die DDR vor der Weltöffentlichkeit bloßgestellt, da diese die Existenz der Apparate lange bestritten hatte.

Die Staatsanwaltschaft wirft den damals zwischen 20 und 26 Jahre alten Grenzern gemeinschaftlich versuchten Mord vor. Sie sollen nach dem ersten Schusswechsel erneut auf den wehrlos am Boden liegenden Gartenschläger geschossen haben, um ihn endgültig zu töten. Die Anklage stützt sich vor allem auf Aussagen des vierten Mitglieds des damals von der Stasi zusammengestellten Greiftrupps, der nicht vor Gericht steht. Laut Anklage hatte die Hauptabteilung I der Stasi einen Maßnahmeplan erstellt. Laut dem war der damals 32 Jahre alte Gartenschläger "festzunehmen bzw. zu vernichten", wenn er erneut "provokatorische Handlungen an den pionier-technischen Anlagen", also dem Grenzzaun, vornehmen würde. Walter L., Zugführer des damaligen Sondertrupps, betonte hingegen, Ziel sei gewesen, Gartenschläger unversehrt festzunehmen, um über ihn auch an mögliche Hintermänner heranzukommen. Auf den wehrlosen Gartenschläger habe auch keiner seiner "Kämpfer" mehr geschossen. Für die "fehlgeschlagene" Aktion musste sich L. angeblich bei seinen Vorgesetzen rechtfertigen und sogar Stasi-Chef Erich Mielke persönlich Bericht erstatten. Zwei Wochen später wurden die vier mit dem Kampforden der DDR ausgezeichnet.

L., der vom letzten DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel verteidigt wird, will erst am Abend des Einsatzes an den Grenzabschnitt bei Büchen abkommandiert worden sein. Alle drei Angeklagten bedauerten die Geschehnisse von damals. Moralische Unterstützung erhielten sie in den Prozesspausen durch aufmunterndes Schulterklopfen der zahlreich erschienenen ehemaligen Kameraden.

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