Prozess in München : Propagandisten des Terrors

In München stehen seit Dienstag sieben junge Männer und eine Frau wegen Verbreitung islamistischer Hassbotschaften vor Gericht. Was sind das für Leute, die mit einer solchen Anklage konfrontiert werden?

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Wie sie da sitzen, fällt es schwer, ihnen die Verbreitung islamistischer Hasspropaganda bis hin zu bestialischen Videos zuzutrauen. Die sieben jungen Männer und die ebenfalls kaum erwachsen wirkende Frau blicken ruhig auf die gegenübersitzenden Staatsanwälte und Richter. Ein Angeklagter verbirgt vor Beginn der Verhandlung seinen Kopf hinter einem Papierblock, auf den ein Herz gemalt ist. Sehen so Propagandisten des Grauens aus?

Vermutlich ja. Am Dienstag hat am Oberlandesgericht München der Prozess gegen acht Angeklagte begonnen, die als Mitglieder der Cyber-Truppe „Globale Islamische Medienfront (GIMF)“ brutale Botschaften von Al Qaida, der Al-Qaida- Filiale im Irak sowie der kurdisch-irakischen Vereinigung Ansar al Islam ins Internet gestellt haben sollen. Die Nutzung des Internets liefere „einen entscheidenden Beitrag zum globalen Terrorismus“, verliest Bundesanwalt Michael Bruns aus der Anklageschrift, in der für die Zeit von August 2006 bis März 2008 kaum zählbare Beispiele islamistischen Wahnsinns aufgelistet werden.

Die Anklage wirft den acht Muslimen vor, Mitglieder einer kriminellen Vereinigung, der GIMF, gewesen zu sein und Al Qaida, den Ableger „Islamischer Staat Irak“ und Ansar al Islam unterstützt zu haben. Vier Angeklagte sollen auch für Al Qaida um Mitglieder oder Unterstützer geworben haben.

Was sind das für Leute, die mit einer solchen Anklage konfrontiert werden? Tarek H., 23 Jahre alt, gibt sich lässig: lange schwarz gelockte Haare, Dreitagebart, das Hemd weit offen. Der Konvertit wurde offenbar in der Hamburger Al- Quds-Moschee beeinflusst, in der auch Selbstmordpiloten der Anschläge des 11. September 2001 gebetet hatten. Tarek H. ist Computerfreak, hat aber trotz guten Abiturs weder Beruf noch Studium begonnen. Die Bundesanwaltschaft sagt, er habe ein Al-Qaida-Video bearbeitet und ins Internet gestellt. Neben H. sitzt Daniel P., 28, ein Hüne mit kurz rasiertem Schädel und buschigem Ziegenbart. Vor acht Jahre trat P. zum Islam über. Er hat kleinere Strafen angesammelt, Fahren ohne Führerschein und Ähnliches. Daniel P. soll im Internet mehr als 80 Beiträge terroristischer Gruppen veröffentlicht haben.

Renee S., mit 30 Jahren der Älteste, soll als Synchronsprecher ein Video des irakischen Al-Qaida-Ablegers mitgestaltet haben. Die Bundesanwaltschaft schreibt ihm mindestens 57 Beiträge zu. Außerdem soll S. zweimal versucht haben, zu Al-Qaida-Trainingslagern zu reisen. Der Mann mit dem dichten Backenbart hat einen Laptop mitgebracht. Als einziger Angeklagter will er nichts zur Sache sagen.

Die härtesten Videos, Gewaltfilme von Al Qaida im Irak und Ansar al Islam, soll Emin T. (18) ins Netz gestellt haben. Der kleine Türke ist glatt rasiert, die Haare sind hochgegelt. Auf einen Bart verzichtet auch Harun A. (25), der wie ein Bankangestellter gekleidet ist. Sein Vater sagt in einer Pause, „mein Sohn hat vom Islam keine Ahnung“. Harun A., der an einer psychischen Störung leidet, soll mehr als 180 Beiträge veröffentlicht haben.

Verschleiert, bis auf einen Sehschlitz, erscheint Vivian S. (24). Die Halbschwester von Renee S. soll unter anderem ein Video über einen Selbstmordanschlag ins Internet gestellt haben. Jonas T. (19), kräftig, Dreitagebart, habe mindestens 78 Beiträge verfasst, sagt die Bundesanwaltschaft. Der Deutschafghane Salim A. (18), ein ähnlicher Typ wie T., soll mit 75 Beiträgen, darunter Anschlagsvideos, ins Internet gegangen sein. Bis auf die Geschwister S. haben alle bei der Polizei Geständnisse abgelegt. Am heutigen Mittwoch wird der Prozess fortgesetzt.

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