Prozess wegen Bestechlichkeit? : Ex-Sprecher Glaeseker belastet Christian Wulff

Mit zahlreichen Details weist Niedersachsens Ex-Regierungssprecher Olaf Glaeseker sämtliche Korruptionsvorwürfe zurück. Und widerspricht seinem ehemaligem Chef Christian Wulff.

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Noch friedlich: Ex-Bundespräsident Christian Wulff (rechts) mit seinem Ex-Sprecher Olaf Glaeseker im Juni 2011.
Noch friedlich: Ex-Bundespräsident Christian Wulff (rechts) mit seinem Ex-Sprecher Olaf Glaeseker im Juni 2011.Foto: dpa

Es geht um Lenas Sieg beim European Song Contest, es geht um Ikea-Möbel, es geht um Übernachtungsgäste von TV-Moderatorin Sabine Christiansen, es geht um Steinhuder Aal und einen Käse namens „Tomme de Montage“: 69 Seiten umfasst die Stellungnahme von Verteidiger Guido Frings, die der Anwalt in der vergangenen Woche an das Landgericht Hannover übermittelt hat. Dort brütet die 3. Große Strafkammer seit mehr als fünf Monaten über der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Hannover, die dem früheren Staatssekretär Olaf Glaeseker Bestechlichkeit in drei Fällen vorwirft.

Der Pressesprecher und enge Vertraute des damaligen Ministerpräsidenten und späteren Bundespräsidenten Wulff soll sich danach vom Partyveranstalter Manfred Schmidt mit neun kostenlosen Urlauben, 19 Gratisflügen und einem über 3000 Euro teuren Heimtrainer für Glaesekers Ehefrau kaufen lassen haben – als Gegenleistung für das Einwerben von Sponsorengeldern in Höhe von rund 600.000 Euro für die „Nord-Süd-Dialoge“ in den Jahren 2007, 2008 und 2009. Schmidt soll durch diese Promi-Feste in Hannover und Stuttgart einen Gewinn von einer Million Euro eingestrichen haben. Glaeseker habe sich für Organisation und Finanzierung der Feten „gefällig dienstlich eingesetzt“ haben, heißt es in der Anklage.

Die Causa Wulff
Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das Büro mit Mitarbeitern geht.Weitere Bilder anzeigen
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04.03.2012 21:00Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das...

Waren die Nord-Süd-Dialoge reine Privatveranstaltungen?

Schon an einer solchen Diensthandlung fehle es, kontert Verteidiger Frings. Die Nord-Süd-Dialoge seien reine Privatveranstaltungen Schmidts gewesen; zu Glaesekers Aufgaben in der Staatskanzlei habe niemals das Sponsoring privater Feste gezählt. Dass Geldgeber wie die Nord/LB oder TUI wegen der Schirmherrschaft Wulffs und seines damaligen baden-württembergischen Amtskollegen Günther Oettinger vielleicht den Eindruck offizieller Länderfeste gehabt hätten, sei nicht Glaeseker anzulasten. Der Sprecher habe lediglich sein exzellentes Netzwerk genutzt, das er dank seiner Kontaktfreude lange vor dem Amt aufgebaut habe.

„Überbordendes Engagement“ zugunsten Schmidts wirft ihm dagegen Oberstaatsanwalt Clemens Eimterbäumer vor. Glaeseker habe stets vollen Einsatz gezeigt, wenn es um das Wohl des Landes und seines Ministerpräsidenten gegangen sei, erwidert der Verteidiger. Und führt als Beispiel auf, dass der Sprecher dafür gesorgt hatte, dass Lena nach ihrem Erfolg beim ESC 2010 am nächsten Tag mit einer Sondermaschine der Lufthansa aus Oslo in Hannover landete und so bunte, fröhliche Bilder aus Niedersachsen für ganz Europa lieferte.

Bereits vor der Anklageerhebung hatte der Anwalt auf eine lange, innige Freundschaft des Ehepaars Glaeseker zu Schmidt hingewiesen. Die sei sogar soweit gegangen, dass der Partyveranstalter seine Ärzte von der Schweigepflicht gegenüber Glaeseker entbunden habe. Beide Seiten hätten sich seit den 90-er Jahren immer wieder gegenseitig eingeladen und besucht. Schmidt habe dabei sogar in Glaesekers Privathaus genächtigt – gegen seine sonstigen Gewohnheiten. Wenn Schmidt bei ihr in Berlin privat eingeladen gewesen sei, zitiert der Verteidiger TV-Moderatorin Christiansen, habe er „dann lieber im Hotel übernachtet“. Die Besuche beim Partymanager in Spanien und Südfrankreich hätten keineswegs in „luxuriösen Feriendomizilen“, sondern in Schmidts normalen, teilweise mit Ikea-Möbeln ausgestatteten Wohnhäusern stattgefunden. Stets habe man den Gastgeber mit Geschenken wie Aal und Käse versorgt, die Betten dort selbst gemacht, gemeinsam gekocht.

Glaesekers Verteidiger: Wulff war im Bilde

Die Staatsanwaltschaft führt dagegen als Indiz für Glaesekers angebliche Korruptheit an, dass er seine Ferien bei Schmidt verheimlicht habe. So habe sein Chef Wulff nach dessen Zeugenaussage nie von den Trips gen Süden gewusst und „null Kontakt“ während der Urlaube gehabt. Falsch, entgegnet der Verteidiger: Neben diversen SMS-Botschaften könne auch Glaesekers ehemaliger Stellvertreter bezeugen, dass Wulff sehr wohl im Bilde gewesen sei. Im Beisein des Vize habe sich der Ministerpräsident nach Glaesekers Urlaubsrückkehr erkundigt, „wie es bei Manfred gewesen sei“.

Die Frage nach der richtigen Version könnte auch Auswirkungen auf Wulffs Glaubwürdigkeit bei dessen eigener Anklage wegen eines angeblich vom Filmunternehmer David Groenewold bezahlten Oktoberfestbesuchs haben. Hier prüft derzeit die 2. Große Strafkammer des Landgerichts Hannover, ob sie das Strafverfahren eröffnet.

„Es gibt definitiv noch keine Entscheidung“ sagte Gerichtssprecher Martin Grote am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa in Hannover. Die Tageszeitung „Die Welt“ hatte zuvor berichtet, der Prozess gegen Wulff solle am 1. November beginnen, der Vorwurf der Bestechlichkeit sei vom Tisch. Die Staatsanwaltschaft Hannover hatte Wulff am 12. April wegen Bestechlichkeit angeklagt.

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