Prozess : Zeitgewinn für Chodorkowski

Das Revisionsverfahren im Fall des russischen Kreml-Kritikers und Ex-Ölmagnaten Michail Chodorkowski ist am Mittwoch nach eintägiger Verhandlung bis zum kommenden Montag unterbrochen worden.

Moskau (14.09.2005, 16:08 Uhr) - In einem Spiel auf Zeit erreichte Chodorkowski damit einen wichtigen Aufschub. Die Vertagung macht es ihm möglich, sich ab Montag als Kandidat für eine Nachwahl zum Parlament registrieren zu lassen. Der bislang nicht rechtskräftig verurteilte Chodorkowski will versuchen, als gewählter Abgeordneter in den Genuss von Straffreiheit zu kommen.

In der Revision fechten der frühere Besitzer des Ölkonzerns Yukos und sein Kompagnon Platon Lebedew ihre Verurteilung zu neun Jahren Lagerhaft wegen Steuerhinterziehung und Betrugs an. Das Verfahren gilt als vom Kreml gesteuert. Obwohl Juristen Formfehler im Verfahren aufzeigten, rechnen selbst Chodorkowskis Anwälte nicht mit einer Aufhebung des Urteils.

Chodorkowski sagte vor Gericht, der für seine Verteidigung unverzichtbare Anwalt Genrich Padwa sei unerwartet ins Krankenhaus gebracht worden. Mit anderen Verteidigern habe er keinen Vertrag. Das Kollegium aus drei Richtern folgte der Bitte um Vertagung, auch wenn Anklagevertreter Dmitri Schochin erklärte, Padwas Einweisung ins Krankenhaus zu diesem Termin sei ein Vorwand.

Wie schon während des ersten Prozesses demonstrierten vor dem Gerichtsgebäude mehrere Dutzend Gegner und Anhänger Chodorkowskis. Der Ex-Unternehmer will aus seiner Zelle im Untersuchungsgefängnis heraus bei einer Nachwahl am 4. Dezember einen Sitz in der Staatsduma gewinnen. Seine Verteidiger rechnen jedoch mit einer schnellen Bestätigung des Richterspruchs, weil Chodorkowski als Vorbestrafter das Recht auf eine Parlamentskandidatur verliert.

Sein Geschäftspartner Lebedew ließ sich bereits kurz nach Auftakt der Revisionsverhandlung aus dem Gerichtssaal zurück in das Gefängnis bringen. Er wolle an dem Verfahren nicht persönlich teilnehmen, erklärte er. (tso/dpa)

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