Prozessauftakt : Wiesbadener Beziehungen

Medienberater Ruzicka ist wegen Untreue angeklagt. Es geht um die stattliche Summe von 52 Millionen Euro. Besonders brisant: Sein Geschäftsfreund ist CDU-Minister in Hessen.

Christoph Schmidt Lunau[Wiesbaden]

Aleksander Ruzicka, einst mächtiger Boss von Aegis-Media, einer der größten Werbeagenturen in Deutschland, lebte auf großem Fuß. Er residierte in einer Wiesbadener Nobelvilla, sechs Luxusautos waren auf ihn zugelassen, er dinierte mit der Politprominenz und lud VIPs zur Großwildjagd nach Südafrika ein.

Doch vor gut einem Jahr war die Party vorbei. Ruzicka lebt seitdem von Gefängniskost. Von morgen an sitzt er im Schwurgerichtssaal auf der Anklagebank des Landgerichts Wiesbaden. 52 Millionen Euro, die eigentlich seinem Arbeitgeber zugestanden hätten, soll er widerrechtlich in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Weil er eine „Safari-Lodge“ in Südafrika sein eigen nennen soll, bestehe Fluchtgefahr, sagen Staatsanwaltschaft und Gericht. Deshalb bleibt der Angeklagte in Haft.

Zusätzliche Brisanz bekommt der Prozess, weil ein Betrag von mehr als neun Millionen Euro der „Beute“ über eine Medienagentur abgewickelt wurde, an der der CDU-Politiker Volker Hoff beteiligt war. Hoff ist seit knapp zwei Jahren Europaminister im Kabinett von Ministerpräsident Roland Koch, ebenfalls CDU. Allerdings wird nicht gegen Hoff ermittelt.

Am Anfang der Affäre stand eine kuriose Strafanzeige. „Anonymus“ nannte sich der Autor „aus Furcht vor Repressalien und körperlicher Gewalt“. Er warf dem damals mächtigen Aegis-Boss Ruzicka Geldwäsche, Untreue und private Bereicherung vor. Aegis macht Milliardenumsätze mit der Vermittlung von Werbespots in Funk und Fernsehen. Die dem Unternehmen zustehenden Rabattwerbezeiten habe Ruzicka über Schein- und Tarnfirmen auf eigene Rechnung vermarktet, unter anderem mit Hilfe der Agentur „Zoffel Hoff und Partner“ (ZHP).

Inzwischen hat sich der Briefschreiber geoutet. Aegis-Media-Rechtsanwalt Johann Gaedertz hatte das Schreiben verfasst. Ungewöhnlich, dass der Boss eines Unternehmens aus der eigenen Chefetage angeschwärzt wird. Zumal das Schreiben persönliche und private Daten enthielt. Da heißt es, Ruzicka sei „arrogant“, arbeite mit „schmutzigen Tricks“ und habe Verbindungen zur russischen Mafia. Da war vom „exorbitant hohen Lebensstil“ des Chefs die Rede, vertrauliche Daten wie das Gehalt, Kaufpreise von Immobilen, die Autokennzeichen und die Kontoverbindungen werden detailliert aufgelistet.

Zwei Jahre liegt die Anzeige zurück. Zunächst hatte ein alkoholkranker Staatsanwalt die Sache verschleppt. Gegen zwei Dutzend Verdächtige wird inzwischen ermittelt. Für den Hauptbeschuldigten Ruzicka ist das ganze eine große Intrige seines ehemaligen Untergebenen, der inzwischen zum Aegis-Media-Boss in Deutschland aufgerückt sei. Das Wiesbadener Landgericht hält die Vorwürfe gegen Ruzicka jedoch für begründet. Bei einem Urteil wegen der Veruntreuung eines zweistelligen Millionenbetrages muss er mit einer langen Haftstrafe rechnen.

Zum Prozessauftakt haben sich zahlreiche Journalisten akkreditieren lassen. Zum einen geht es um viel Geld, denn Aegis-Media will Schadensersatz. Außerdem dürften Staatskanzlei und Landtagsopposition mit Interesse verfolgen, was der Angeklagte zu den Beziehungen zum ehemaligen Geschäftspartner Hoff sagt.

Der CDU-Europaminister hatte zunächst versichert, mit den Briefkastenfirmen nichts zu tun gehabt zu haben, über die Ruzickas Millionen abgewickelt wurden. Inzwischen schweigt er zu einigen Ungereimtheiten lieber. Er habe sich nichts zu schulden kommen lassen und stehe der Staatsanwaltschaft als Zeuge zur Verfügung, erklärte Hoff lakonisch. SPD und Grüne nehmen dem früheren ZHP-Geschäftsführer nicht ab, dass er von den Machenschaften nichts gewusst haben will, obwohl die Firma bei dem Deal laut Anklage Millionen verdient hat. Die Staatsanwaltschaft entlastet Minister Hoff dagegen.

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