• Prozessauftakt zum Putsch in der Türkei 1980: „Hast du es auch nur einen Tag bereut?“

Prozessauftakt zum Putsch in der Türkei 1980 : „Hast du es auch nur einen Tag bereut?“

In der Türkei beginnt der Prozess gegen Anführer des Staatsstreichs von 1980. Keine andere Intervention hat in der türkischen Gesellschaft so tiefe Wunden geschlagen. Mehrere Opfer des Putsches treten als Nebenkläger auf.

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Keine Reue. Der mittlerweile 94 Jahre alte Ex-Putschist Kenan Evren sieht sich selbst als Retter der Türkei. Vor zwei Jahren posierte er in seinem Haus am Meer für die türkische Presse.
Keine Reue. Der mittlerweile 94 Jahre alte Ex-Putschist Kenan Evren sieht sich selbst als Retter der Türkei. Vor zwei Jahren...Foto: AFP

Es war nur ein Stück trockenes Brot, aber für Halis Özdemir war es das größte Glück auf Erden. Özdemir saß in einer fensterlosen Zelle im berüchtigten Militärgefängnis Mamak in Ankara, es war Februar und bitterkalt. Seine Zelle war verdreckt mit den Exkrementen vorheriger Insassen und so klein, dass er nicht aufrecht stehen oder seine Beine ausstrecken konnte. Und Özdemir hatte Hunger, seit Tagen hatte er nichts zu essen bekommen. Da schob ein Soldat aus Mitleid die Brotrinde, die ein anderer Wächter angebissen und achtlos weggeworfen hatte, durch einen Spalt unter der Tür in Özdemirs Zelle hinein. „In meinem ganzen Leben habe ich nie etwas Köstlicheres gegessen“, sagt Özdemir heute, mehr als 30 Jahre später. Er hat Tränen in den Augen.

Halis Özdemir, 54, sieht aus, wie man sich einen freundlichen türkischen Onkel vorstellt. Kugelrunde Figur, weißer Haarkranz, weißer Schnurrbart, ein nettes Wort für jeden, den er trifft. Wenige Monate nach dem türkischen Militärputsch vom 12. September 1980 wurde der damals 23-Jährige verhaftet, gefoltert und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Jetzt will Özdemir dem Putschführer von damals zum ersten Mal ins Auge sehen: Am heutigen Mittwoch beginnt in Ankara das Gerichtsverfahren gegen den Ex-General und Ex-Staatschef Kenan Evren, der 1980 den Staatsstreich anführte. Und Özdemir will im Gerichtssaal sein und dem Junta-Chef eine Frage stellen: „Hast du es auch nur einen Tag lang bereut?“

Vier Regierungen haben die türkischen Militärs seit 1960 von der Macht verdrängt, doch keine Intervention hat so tiefe gesellschaftliche Wunden geschlagen wie der „12. September“, wie der 1980er Putsch von den Türken genannt wird. Evrens Staatsstreich beendete damals bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten Gruppen auf den Straßen der Türkei und wurde deshalb zunächst von vielen begrüßt. Doch dann wurde das Ausmaß der Repression deutlich: 650 000 Festnahmen, mehr als 200 000 Gerichtsverfahren, 50 Hinrichtungen, 171 Foltertote, 95 Menschen „auf der Flucht erschossen“, weitere starben im Hungerstreik. Zehntausende wurden ausgebürgert und zur Flucht ins Ausland gezwungen.

Wartet auf Gerechtigkeit. Halis Özdemir tritt als Nebenkläger auf.
Wartet auf Gerechtigkeit. Halis Özdemir tritt als Nebenkläger auf.Foto: Kerem Uzel

Unter den Hinrichtungsopfern war der damals erst 17-jährige Erdal Eren. „Sollen wir ihn etwa durchfüttern statt ihn aufzuhängen?“, war Evrens Reaktion damals. Noch heute kann fast jeder Türke von einem Verwandten oder Bekannten erzählen, der damals unter dem Putsch zu leiden hatte. Erens Bruder gehört heute zu mehreren hundert Betroffenen, die wie Özdemir beantragt haben, an dem Prozess gegen Evren als Nebenkläger teilnehmen zu dürfen.

Özdemir hatte als Mitbegründer der islamistischen Gruppe Akincilar Dernegi vor dem Staatsstreich mit seinen Kollegen beschlossen, sich aus der Gewalt zwischen links und rechts herauszuhalten. Es nützte ihm nichts. Er wurde verhaftet und nach Mamak gebracht. Die Wächter dort verbanden ihm die Augen mit einem Stück Stoff. „Hier ist es“, sagt Özdemir und hält einen Ordner in die Höhe, in dem er Dokumente seines Gerichtsverfahrens aufbewahrt und auf dessen Deckel ein grob gewebtes, rot-weiß-blaues Band aufgeklebt ist. „Ich werde es Evren im Gerichtssaal zeigen.“

In Mamak begann Özdemirs Leidensweg mit der Internierung in der fensterlosen Zelle. Die Wächter ließen ihn in der Zelle die Nationalhymne singen und Reden des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk rezitieren – eintausend Mal hintereinander. Mehrmals wurde er aus dem Verließ gezogen und gefoltert.

Özdemir wurde verprügelt, mit Elektrokabeln misshandelt und am sogenannten Strappado aufgehangen: Dabei wird ein Häftling an den Händen in die Höhe gezogen, während die Füße mit einem Gewicht beschwert werden. „Du wirst geschlagen und hörst die Schreie der anderen Gefolterten“, sagt Özdemir. „Wie können Menschen so etwas tun?“

Vierzig Tage ging das so, von Ende Januar bis März 1981. Dann kam Özdemir vor Gericht und erhielt eine vierjährige Haftstrafe wegen islamistischer Umtriebe. „Wir waren 26 Häftlinge in einer Zelle von 20 Quadratmetern, wir schliefen Rücken an Rücken. Toilettengang einmal am Tag. Der Gestank war bestialisch.“

Warum das alles? Das ist die Frage, die Özdemir bis heute umtreibt. Dass er beantragt hat, im Prozess gegen Evren und den ehemaligen Luftwaffenchef Tahsin Sahinkaya, das einzige andere überlebende Mitglied der damaligen Junta, als Nebenkläger aufzutreten, will er nicht als Abrechnung mit der Armee an sich verstanden wissen. „Ich tue das nicht, um die Armee zu beleidigen. Ich tue das, damit sich so was nicht wiederholt. Man ist nur einmal auf der Welt.“

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