Prozessbeginn : Ingenieur lieferte Libyen Atomwaffentechnologie

Ein deutscher Ingenieur hat angeblich umgerechnet 28 Millionen Euro kassiert, weil er das inzwischen eingestellte Atomwaffenprogramm Libyens mit Technik unterstützt haben soll. Auch mit Pakistan habe der 56-Jährige in engem Kontakt gestanden.

StuttgartVor dem Stuttgarter Oberlandesgericht muss sich seit Donnerstag ein 65-jähriger Ingenieur verantworten, der Libyen bei der Entwicklung seines inzwischen eingestellten Atomwaffenprogramms geholfen haben soll. Der angeklagte Gotthard L. soll als Teil eines Netzwerks spezielle Technologie zum Bau von Gasultrazentrifugen besorgt und über Mittelsmänner in Südafrika und Malaysia nach Libyen geliefert haben. Laut Anklage überwachte er zudem Produktionsanlagen für Atomwaffentechnologie. Für seine Aufgaben habe er umgerechnet rund 28 Millionen Euro erhalten. Der Prozess ist bis Januar 2009 angesetzt.

Das Verfahren gegen den Ingenieur ist die Neuauflage eines Prozesses, der 2006 wegen Verfahrensfragen vor dem Landgericht Mannheim geplatzt war. Der Angeklagte, der bis zu seiner Verhaftung und Auslieferung in der Schweiz lebte, soll laut Staatsanwaltschaft zum engeren Kreis um den international als "Vater der pakistanischen Atombombe" bekannten Atomforscher Abdul Quadeer Khan gehört und in dessen Auftrag für die libysche Regierung gehandelt haben. Die Anklage geht davon aus, dass Gotthard L. wegen seiner Beziehungen innerhalb des Netzwerkes eine "Vermittler-Rolle" einnahm und die Produktion der Gasultrazentrifugenanlage nicht nur einfädelte, sondern auch technisch überwachte und koordinierte.

Gotthard L. stand schon einmal vor Gericht

Der Ingenieur ist nicht vorbestraft. Er stand jedoch bereits 1990 wegen ähnlicher Vorwürfe im Zusammenhang mit dem pakistanischen Atomwaffenprogramm vor Gericht. Gotthard L. musste damals freigesprochen werden, weil die erforderlichen Beweismittel aus der Schweiz nicht zu erlangen waren.

Der Atomhandel war im Oktober 2003 aufgeflogen, nachdem der deutsche Frachter "BBC China" auf dem Weg von Malaysia nach Libyen von einem US-Kriegsschiff abgefangen und an Bord mehrere tausend Zentrifugen-Teile gefunden worden waren. Im Zuge der Ermittlungen ließ die Bundesanwaltschaft dann den Schweizer Ingenieur Urs T. am Frankfurter Flughafen festnehmen. Urs T. sowie sein Bruder Marco T. und sein Vater Friedrich T. gelten als weitere mutmaßliche Schlüsselfiguren in dem Atom-Deal. Urs T. war dann an die Schweiz und im Gegenzug Gotthard L. an Deutschland ausgeliefert worden.

Baupläne auf Wunsch der Atomenergiebehörde vernichtet

Die beiden Brüder Urs und Marco T. sitzen nach einem Bericht des Tagesspiegel vom vergangenen Sonntag nun seit mehr als drei Jahren in Untersuchungshaft. Bei den Beschuldigten seien detaillierte Baupläne für Nuklearwaffen, Gas-Ultrazentrifugen zur Anreicherung von waffenfähigem Uran sowie für Lenkwaffenträgersysteme gefunden worden. Um zu verhindern, dass die Informationen "in die Hände einer terroristischen Organisation oder eines unberechtigten Staates" gelangen, seien die Unterlagen auf Wunsch der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) vernichtet worden.

Dem weiteren Zeitungsbericht zufolge soll die US-Regierung ein starkes Interesse daran haben, dass das Verfahren gegen die drei Ingenieure in der Schweiz eingestellt wird: Der Vater und die beiden Söhne hätten nicht nur für das Netzwerk von Abdul Qadeer Khan, sondern gleichzeitig auch für den US-Geheimdienst CIA gearbeitet, heißt es in dem Bericht. (nal/AFP)

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