Prozesse : Den NS-Tätern auf der Spur – Demjanjuk nicht der letzte Fall

Der mutmaßliche NS-Verbrecher John Demjanjuk soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft München so schnell wie möglich vor Gericht. Mindestens ein weiterer Fall ist offenbar mit dem Demjanjuks vergleichbar.

Claudia von Salzen

Berlin - Noch ist unklar, ob der 89-jährige John Demjanjuk verhandlungsfähig ist: Am Sonntag war er vorübergehend ins Krankenhaus gebracht worden, seit Mittwoch ist Demjanjuk, dem Beihilfe zum Mord an mindestens 29 000 Menschen vorgeworfen wird, wieder Häftling in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim. Wäre das Verfahren gegen ihn wirklich der letzte NS-Prozess in Deutschland? Vielleicht nicht, sagt Kurt Schrimm, Leiter der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Der Oberstaatsanwalt und sein Team arbeiten seit April an drei weiteren Fällen. In mindestens einem könnte es nach Einschätzung der Ermittler noch zu einer Anklage kommen. Der Fall sei durchaus vergleichbar mit dem Demjanjuks, betont Schrimm.

Auch Iwan Kalymon, der heute in den USA lebt, war einer der ausländischen „Hilfswilligen“, die beim nationalsozialistischen Massenmord an den europäischen Juden zu (Mit-)Tätern wurden. In Polen wurde Kalymon 1921 als Angehöriger der ukrainischen Minderheit geboren. Die Ermittler können seinen Weg ziemlich genau nachzeichnen. Mit 18 Jahren ging er nach Wien, wo er kurze Zeit auf einem Bauernhof mithalf. Später arbeitete er zwei Jahre in Hannover, doch dann verliert sich seine Spur, bis er in Lemberg wieder auftauchte. Dort bewarb er sich bei der ukrainischen Hilfspolizei.

Die ukrainischen Hilfspolizisten waren aktiv beteiligt am Judenmord. Sie halfen bei der Räumung der Ghettos und der Deportation der Juden und beteiligten sich an Massenerschießungen. Viele dieser Taten wurden akribisch dokumentiert: So mussten die Hilfspolizisten nach jedem Einsatz neue Munition anfordern. In einer handschriftlichen Notiz Kalymons heißt es: „Ich, (…) Iwan Kalymon vom 5. Kommissariat der ukrainischen Polizei, habe dienstlich während der Judenaktion am 14.8.1942 um 19 Uhr die Waffe eingesetzt und 4 Stück Munition verwendet, wobei ich eine Person verletzt und eine getötet habe.“ Weil dieses Dokument Kalymon mit einem Mord in Verbindung bringt, könnten rechtliche Schritte gegen ihn einfacher sein als im Fall Demjanjuk.

Die Ludwigsburger Ermittler erhielten dieses Dokument vom Office of Special Investigation in Washington, einer Behörde des Justizministeriums, die in den USA untergetauchte NS-Verbrecher aufspürt, um ihnen die Staatsangehörigkeit zu entziehen und sie auszuweisen. Ein Gutachten des Bayerischen Landeskriminalamtes soll nun beweisen, dass die Notiz tatsächlich von Kalymon verfasst worden war. Zum Vergleich haben die Ermittler andere Dokumente mit Kalymons Unterschrift aus der damaligen Zeit aufgespürt. Wie Demjanjuk tauchte auch Kalymon in einem Lager für „Displaced Persons“ in der Nähe von München unter, bevor er in die USA auswanderte. Mit Demjanjuk und Kalymon rücken nun 64 Jahre nach Kriegsende die ausländischen Helfer der nationalsozialistischen Verbrechen in den Vordergrund. 

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