Prüfbericht : Pflege: Experten fordern Konsequenzen

Spitzenverbände der Pflege- und Krankenkassen sehen nach der neuesten Pflegestudie "deutlichen Handlungsbedarf". Parteien und Seniorenverbände fordern derweil einen Qualitätswettbewerb in der Branche.

BerlinEine Untersuchung von fast 40.000 Pflegebedürftigen ergab laut Bericht, dass bei knapp 30 Prozent der ambulant und bei etwa 34 Prozent der stationär gepflegten Personen die Standards bei der Ernährungs- und Flüssigkeitsversorgung nicht erfüllt werden. Bei meh als einem Drittel der Heimbewohner und bei über 40 Prozent der zu Hause gepflegten Menschen werde zudem nicht genug getan, um Wundliegen zu vermeiden.

Die Senioren-Union der CDU äußerte sich empört: "Es ist ein Skandal, dass unsere Wohlstandsgesellschaft so wenig Mitgefühl für ihre ärmsten, ältesten und schwächsten Mitglieder nach einem arbeitsreichen Leben aufbringt." Der Vorsitzende Otto Wulff forderte die Bundesregierung auf, "unverzüglich Konsequenzen zu ziehen".

Der Bund der Pflegeversicherten sieht eine wesentliche Mitschuld des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen an den Missständen. Der Vorsitzende des Bundes, Gerd Heming, sagte, es könne nicht gut gehen, wenn der Medizinische Dienst erst "den Gutachter macht und anschließend auch noch sich selbst prüft". Er plädierte für eine bundeseinheitliche Aufsichtsbehörde wie dies in der Lebensmittelüberwachung üblich ist.

"Verbesserungen sind eingetreten"

Der Medizinischen Dienst hatte im Jahr 2003 den ersten Pflegequalitätsbericht herausgegeben. Seitdem habe sich die Qualität der Pflege verbessert, betonten die Pflegekassen. MDS-Geschäftsführer Peter Pick unterstrich: "Bei allen wichtigen Versorgungskriterien sind Verbesserungen eingetreten". Begriffe aus Medienberichten wie "Pflege-Schock" oder "Pflege-Skandal" wies Pick entschieden zurück.

Um die Qualität in der Pflege verbessern zu können, forderte der MDS vor allem mehr Transparenz und die Möglichkeit für eine künftige Veröffentlichung der Prüfergebnisse. Die Angehörigen müssten sehen können, wem sie ihre Pflegebedürftigen anvertrauen. Derzeit ist eine Offenlegung aus rechtlich nicht möglich. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil kündigte allerdings bereits an: "Prüfergebnisse werden verständlich dargestellt und veröffentlicht."

Klare Standards für Pflegeenrichtungen gefordert

Von einigen Experten wurden härtere Konsequenzen bei qualitativ schlechten Pflegeeinrichtungen gefordert. Der Chef des Verbands der Angestellten-Krankenkassen, Werner Gerdelmann meinte, "Schwarze Schafe" müssten im Extremfall leichter aus der Versorgung herausgenommen werden können. Zudem forderte er klare gesetzliche Standards für die Zertifizierung von Pflegeeinrichtungen. Der Pflegeexperte Claus Fussek sagte der "Frankfurter Rundschau": "Was macht man bei einem Betrieb, der Gammelfleisch verkauft? Er wird zugemacht. Ich begreife nicht, warum schlechte Pflegeheime nicht geschlossen werden."

Auch Grünen-Pflegeexpertin Elisabeth Scharfenberg sieht eine Veröffentlichung von Prüfberichten als "einen Schritt in die richtige Richtung". "Verbraucherinnen und Verbraucher, also vor allem Pflegebedürftige und ihre Angehörigen, müssen die Pflegequalität in Einrichtungen bewerten und vergleichen können", so die Grünen-Politikerin. Scharfenberg plädierte zudem für verbindliche Qualitätsleitlinien und einen Qualitätswettbewerb in der Pflegebranche. (mit ddp/dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben