Psychologe Thomas Kliche : "Verzeihung ist irrational"

Der Psychologe Thomas Kliche spricht mit dem Tagesspiegel über den Fall Ulla Schmidt und die hohen Anforderungen an Politiker.

War es richtig, Ulla Schmidt vorerst aus dem SPD-Wahlkampfteam zu nehmen?



Zu rasch, zu billig. Feigheit zahlt sich taktisch oft aus – hier nicht, glaube ich. Urteilsvermögen und politische Kultur nehmen jedenfalls Schaden, wenn drei Tankfüllungen für den Dienstwagen wichtiger werden als die Lebensfragen des Landes.

Was sagt der Fall Ulla Schmidt über die Berufsgruppe Politiker aus?

Ich finde, er sagt vor allem aus, dass man Politikern prinzipiell sehr gerne an allem die Schuld gibt.

Aber fehlt Politikern wie Ulla Schmidt nicht mindestens das richtige Maß, sind sie nicht abgehoben?

Das ist Unsinn. Politiker sind nicht abgehoben, die reden mit vielen Menschen aus unterschiedlichen Schichten und Arbeitsgebieten, haben ständig Termine, sind im Wahlkreis unterwegs. In gewisser Weise sind sie eher arme Wichte, denn sie sind umgeben von Leuten, etwa Lobbyisten, die eine ganze Menge mehr Geld verdienen, ohne Verantwortung fürs Allgemeinwohl zu tragen.

Wir Bürger sind zu kritisch?

In gewisser Weise ja. Denn Politiker eignen sich hervorragend dafür, die eigene Verantwortung wegzudelegieren und Wünsche in den Politiker zu projizieren: Die müssen das richten, die müssen Lösungen finden. Und dabei muss der Politiker auch noch auf jedes kleinste Detail achten, sonst wird er beschimpft. Wie bei Ulla Schmidt. Der Maßstab an Politiker ist so hoch wie bei kaum einer anderen gesellschaftlichen Gruppe. An dieser Stelle könnte man mal über Moral in diesem Land nachdenken.

Das soll heißen?

Fragen wir: Wer klaut keine Daten im Internet, welches Kleinunternehmen missachtet nicht den Arbeitsschutz, wer fährt nicht bei Rot über die Ampel oder schummelt bei der Steuererklärung? Der Ruf „Haltet den Dieb“, wie jetzt bei der Gesundheitsministerin, ist sehr einfach. Ich verlange von anderen, zu was ich selbst nicht bereit oder fähig bin. Hinzu kommt die Oberflächlichkeit politischer Urteile. Anstatt mit Ulla Schmidt über Gesundheitspolitik zu streiten, verlangt man wegen wenigen Euro schon ihren Kopf.

Trotzdem hätte Sie sich ja offener verhalten oder einen Fehler eingestehen können. Ist Ihr Verhalten exemplarisch?

Ja. Die Sozialpsychologie zeigt eine feste Abfolge von Selbstverteidigungsstufen: Erst streitet man alles ab, dann hat man nichts Unrechtmäßiges getan, dann wird der eigene Anteil der Schuld minimiert oder gesagt, ich konnte nicht anders. Zum Schluss sagt man, es habe ja niemandem geschadet, oder es diente dem Nationalinteresse. Und wenn gar nichts mehr geht, kommt vielleicht doch noch eine Entschuldigung. Das ist das Ablaufschema von kleinen oder großen Skandalen. Wir sind so darauf trainiert, dass wir nicht mehr erkennen können, ob es um eine kleine oder eine große Sache geht. Man ist abgestumpft.

Warum ist es für die Politik so schwer, Offenheit auszustrahlen und etwa zu sagen: Ich habe mich gesetzestreu verhalten, aber ich kann verstehen, dass die Bürger mein Verhalten trotzdem kritisch sehen?

Wer sich anders verhält, macht sich damit auch angreifbar. Wenn jemand einen Satz sagt, wie Sie ihn formuliert haben, heißt es: Warum hat man das nicht vorher bedacht? Bin ich etwa ungerecht? Und was ändert sich jetzt? Die Leute würden sich auf Dauer ausgetrickst fühlen.

Und wie macht man es richtig?

Man hält sich an die Gesetze und versucht, moralisch sensibel zu bleiben, aber es gibt kein sicheres Rezept. Denn öffentliche Verzeihung ist irrational, sie ist also für einen Politiker nicht zu steuern. Daher ist im Einzelfall unberechenbar, was die Menschen verzeihen und was nicht. Grundlegende Enttäuschungen vergessen Menschen nur langsam, etwa bei Hartz IV und der SPD. Hartz IV steht bis heute nicht für soziale Gerechtigkeit. Persönliche Lebenskonflikte sind leichter zu verstehen. Horst Seehofer würdigt die heilige Familie, hat aber eine Affäre und ein uneheliches Kind, erst wird das ein Skandal, aber nun ist er vergessen. Man kann das nicht voraussehen. Helmut Kohl, der Teflon-Kanzler, war der Meister im Aussitzen von Skandalen. Sein Prinzip wirkt nach, daher kommt ein großer Teil der Politikverdrossenheit. Für den Bürger ist nicht zu erkennen, was ehrlich ist und was Fassade.


ZUR PERSON:

Thomas Kliche ist Politologe und Psychologe sowie Experte für politische Psychologie an der Universität Hamburg.
Die Fragen stellte Armin Lehmann.

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