Pulverfass : Angst um Pakistan

Nicht nur der Krieg in Afghanistan entscheidet sich zuerst in Pakistan. Das Land ist inzwischen auch die Kaderschmiede Nummer eins des globalen Terrors. Der Westen beruft einen Krisengipfel ein, damit der Atomstaat nicht kippt.

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]

David Kilcullen bekommt inzwischen Albträume, wenn er an Pakistan denkt. Das Land könne binnen sechs Monaten kollabieren, und das würde alle anderen Terrorgefahren in den Schatten stellen, warnt der Terrorexperte, der US-General David Petraeus bereits im Irakkrieg beriet. Pakistan kämpft 61 Jahre nach seiner Geburt ums Überleben. Die Taliban sind auf dem Vormarsch und dringen bereits in die Provinz Punjab vor, die letzte Bastion der Zentralregierung. Dazu kommt eine Wirtschaftskrise, die das Land in soziale Unruhen stürzen und den Terror noch schüren könnte. In Washington ist man alarmiert: Wenn Pakistan kippt, hat nicht nur Südasien, sondern die ganze Welt ein Riesenproblem. Bei einem Krisengipfel in Tokio wollen 25 Staaten, darunter die USA, China und Deutschland, an diesem Freitag ein Notpaket schnüren. Pakistans Präsident Asif Ali Zardari fordert einen „Marshallplan“, um sein Land und vor allem die rückständigen Grenzprovinzen, die Brutstätten des Terrors, aufzubauen. Nicht Bomben und Kugeln, sondern Straßen, Schulen und Jobs sollen den Extremismus austrocknen. Auch Berlin will trotz der schweren Rezession Geld lockermachen.

Nicht nur der Krieg in Afghanistan entscheidet sich zuerst in Pakistan. Das Land ist inzwischen auch die Kaderschmiede Nummer eins des globalen Terrors. Mehr noch: Pakistan verfügt über Atombomben. Der Gedanke, dass diese in die Hände von Extremisten fallen, lässt nicht nur das Nachbarland Indien schaudern. Über zwei Drittel des Landes habe die Regierung keine Kontrolle mehr, schätzt Kilcullen. In den wilden Grenzprovinzen haben Talibanchefs wie Baitullah Mehsud oder Hafiz Gul Bahadur Staaten im Staat errichtet. Dort finden auch die in Afghanistan kämpfenden Taliban sichere Häfen. Und das Terrornetzwerk Al Qaida unterhält in dem unwegsamen Niemandsland sein Hauptquartier und trainiert die Bomber von morgen. Der Terror greift in Pakistan um sich. Fast täglich werden Menschen bei Anschlägen getötet.

Und die Politiker scheinen ratlos. Erschwert wird der Kampf dadurch, dass es kein klares Machtzentrum gibt und der Hass auf Amerika wächst. Das islamische Land hängt am US-Geldtropf. Dafür redet Washington der Regierung kräftig drein. Viele Pakistaner empfinden die Amerikaner als Beinahe-Kolonialherren. „Unsere Regierung hat uns an die USA verkauft“, klagen sie.

Ohne US-Hilfe wäre Zardari kaum Präsident geworden. Ein guter Griff war der machthungrige Witwer der ermordeten Politikerin Benazir Bhutto wohl nicht. Erstmals seit 1999 hat das Land zwar nun eine Zivilregierung. Doch Zardari und Oppositionsführer Nawaz Sharif bekämpfen sich lieber gegenseitig, als die Parteien im Kampf gegen den Terror zu einen. Dabei wäre Sharif, der den Islamisten näher steht, ein wertvoller Verbündeter für die USA: Anders als Zardari hat der „Löwe des Punjab“ das Volk hinter sich. Auch die USA scheinen dies erkannt zu haben. Angeblich führen sie Gespräche mit Sharif.

Das letzte Wort aber hat in Pakistan das mächtige Militär. Auch Militärchef Ashfaq Kayani wurde in stiller Absprache mit den USA ins Amt befördert. Ebenso wie der Chef des Geheimdienstes ISI, Ahmad Shuja Pasha. Kayani gilt als prowestlich und wurde in den USA ausgebildet. Der 56-Jährige schickt seine Soldaten gegen die Taliban, also Landsleute und Glaubensbrüder, in den Kampf, ein Tabu in Pakistan. Und er duldet die Drohnen-Angriffe der USA, die eine Demütigung für die stolze Nation sind. Kayani muss aufpassen: Schon jetzt passt vielen in Militär und Geheimdienst sein Kurs nicht.

Pakistan ist von der Urangst besessen, dass Indien das Land zermalmen will. Viele Militärs sehen den Nachbarn als den wirklichen Feind an und nicht die Militanten. Die Taliban gelten ihnen als „strategische Schätze“, wie man sie nennt. Über sie will sich Pakistan Einfluss in Afghanistan sichern, um im „Hinterland“ den Rücken frei zu haben. In der Provinz Belutschistan soll der ISI Trainingscamps für Taliban unterhalten und auch sonst mit ihnen paktieren. Viele Islamisten sitzen an den Schalthebeln beim Militär und in der Verwaltung. Und sabotieren still den Anti-Terror-Kampf. Militär und ISI bildeten einen „Schurkenstaat im Staate“, sagt Kilcullen. Und diesen „Schurkenstaat“ bekamen bisher weder die zivile Regierung noch die USA in den Griff.

Ist Pakistan noch zu retten? „Der Schlüssel liegt in den Herzen und Köpfen der normalen Menschen“, schreibt der renommierte indische Kolumnist Manoj Joshi. Der frühere US-Präsident George W. Bush hat sich wenig darum gekümmert, die rückständigen Grenzprovinzen aufzubauen. Er hat das Volk Hand in Hand mit dem Militär entmündigt. Das hat viel Hass geschürt. Kayani und der neue US-Präsident Barack Obama scheinen dies erkannt zu haben. Die allermeisten der knapp 170 Millionen Pakistaner sympathisieren nicht mit den Extremisten und sie verdammen die Anschläge. Aber viele glauben noch immer, dass sie den Blutzoll für einen Krieg der USA zahlen.

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