Politik : Putin in Berlin: Deal während des Gipfels: Russland erhält offenbar Hanauer Atomfabrik

Alexej Dubatow

Die russische Zeitung "Iswestija" hat gestern die Gerüchte bestätigt, wonach die Anlage zur Verarbeitung von Waffenplutonium zu Brennstäben für Atomkraftwerke aus Hanau an Rußland verkauft werden soll. Die Ausrüstung aus Deutschland solle in der "geschlossenen" sibirischen Stadt Schelesnogorsk wieder aufgebaut werden, der einzigen, wo es Fachleute für den Mischbrennstoff aus Uran und Plutonium gibt, heißt es. Wie der Sonderberater des russischen Energieministers, Boris Nekipelow, der Zeitung sagte, soll die Hanau-Anlage vorher modernisiert werden. Das Geschäft sei bereits beschlossen, behauptet die Zeitung. Vor dem Gipfel hatte es offiziell in Moskau geheißen, Plutoniumverarbeitung werde kein Thema in Berlin sein.

Bezahlen könne und wolle Russland die Anlage nicht, heißt es in dem Artikel. Wer den Abschluß finanzieren soll, werde im Juli beim G8-Gipfel auf Okinawa entschieden. Die Antwort liegt auf der Hand. Beim Besuch des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton Anfang Juni in Moskau hatten sich Rußland und die USA verpflichtet, je 34 Tonnen Plutonium zu verarbeiten. Zur gleichen Zeit nahm die russische Regierung ein Energieprogramm für die nächsten 50 Jahre an, in dem die Nutzung des gemischten Brennstoffs vorgesehen ist. Nach Angaben der Wochenzeitung "Moskowskije Nowosti" haben sich 200 Tonnen Waffenplutonium in Russland angestaut. Der einzige dafür geeignete Reaktor im Belojarsker Atomkraftwerk verarbeitet zwei Tonnen Plutonium im Jahr.

Laut Zeitung sähe Washington es lieber, wenn Russland Waffenplutonium nach seinem Beispiel in Glas- oder Keramikblöcken eingeschmolzen endlagern würde. Moskau wolle aber nicht in die technologische Abhängigkeit von den USA geraten, heißt es. Offiziell wird diese Haltung mit dem wachsenden Bedarf an atomaren Brennstäben begründet, obwohl Russland genug Uran hat, das zehnmal billiger ist. Der Chef der russischen Atomaufsichtsbehörde Juri Wischnewski meint, genauso gut könne man "Klobecken aus Gold" machen. Das Atomministerium verspricht, Mehrkosten durch Einnahmen aus der Verarbeitung von "Fremdmaterial" zu decken. Freilich dürfen derzeit keine atomaren Abfälle nach Russland eingeführt werden.

Nach Angaben der "Iswestija" hat sich der grüne Bundesaußenminister Joschka Fischer hinter das Hanau-Geschäft geklemmt. In Deutschland dürfe die Anlage nicht weiterbetrieben werden, argumentiert die Zeitung. Anders als durch Lieferungen von Brennstäben aus Russland könne der Bedarf der 19 deutschen Atomkraftwerke, die erst in 32 Jahren zugemacht werden sollen, nicht gedeckt werden. In dieser Situation habe auch der Bundeskanzler Gerhard Schröder nicht "nein" sagen können.

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