• Putin in Berlin: Kumpelei lehnt der andernorts gern kumpelige Kanzler beim Treffen mit Putin ab

Politik : Putin in Berlin: Kumpelei lehnt der andernorts gern kumpelige Kanzler beim Treffen mit Putin ab

Thomas Kröter

Und er geht ganz allein, nein, nicht ganz; sein Gefolge ist natürlich dabei, Presse und Fernsehen sowieso und der Chef des gastgebenden Protokolls - aber kein deutscher Politiker begleitet Wladimir Putin, wenn er am Freitag kurz nach neun Uhr einen Kranz am sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park niederlegt. Gern hätte der russische Präsident den Kanzler dabei gehabt. Aber Gerhard Schröder versteht von Symbolen nicht weniger als der traditionsbewusste Russe. Während Putins Armee in Tschetschenien kämpft, trotz weltweiter Proteste die Menschenrechte verletzt - in solcher Situation neigt ein deutscher Politiker sein Haupt vor dem Vorläufer dieser Truppe? Da konnte es aus Berliner Sicht nur ein "njet" geben. Offizielle Begründung: Ein Arbeits-, kein Staatsbesuch, das sind gemeinsame Kranzniederlegungen nicht üblich.

Putins Protokoll hat sein Bestes versucht, die Visite aufzuwerten. So wurde seine Frau offenbar recht spät "nachnominiert". Ein Programm mit Kanzlergattin Doris Köpf musste schnell gestrickt werden. Was das Kriegsgedenken angeht, haben die Russen am Ende Maß gehalten. Die Panzer an der Straße des 17. Juni stehen für den Sieg im Weltkrieg, der Soldat im Treptower Park für Trauer um die Opfer.

"Interessant und ergebnisorientiert" hat Gerhard Schröder seine erste kurze Begegnung mit Putin nach der Begrüßung mit militärischen Ehren im provisorischen Kanzleramt genannt. Für den Gast war sie "intensiv und ergebnisorientiert". Zweimal dasselbe Wort: Ergebnisorientiert. Diesseits der unvermeidlichen historischen Reminiszenzen sind die beiden von Kopf bis Fuß auf Pragmatismus eingestellt. Noch Fragen? Ja, aber bitte erst nach Abschluss der Gespräche, wiegelt der Gastgeber die Presse ab.

Schließlich muss man einander erst kennen lernen. Im offiziellen Arbeitsrahmen am Konferenztisch, aber auch abseits davon im eher privaten Rahmen. Schröder hat Putin zum Essen eingeladen, nicht in ein schickes, oder, wie den französischen Präsidenten Jacques Chirac, in ein rustikales Lokal. Der Russe kommt zum deutschen Regierungschef nach Hause, soweit eine Dahlemer Dienstwohnung diesem Begriff gerecht werden kann. Da trifft man sich ungezwungen, bei Perlhuhnbrust und deutschem Spätburgunder. Aber Kumpelei lehnt der andernorts gern kumpelige Schröder in diesem Zusammenhang ab. In der Strickjacke wie Helmut Kohl mit Michail Gorbatschow oder gar hüllenlos in der Sauna wie mit Boris Jelzin - unvorstellbar. Schröder bleibt im Anzug.

Immerhin kommen die beiden jenseits der offiziellen Verhandlungsrunden dank der Deutschkenntnisse des Ex-Geheimdienstlers Putin ohne Dolmetscher aus. Der hat sich ausbedungen, nicht nur die belasteten, sondern auch die positiven Momente deutsch-russischer Geschichte zu würdigen. In seinem Hotel empfing er Helmut Kohl. Der habe "für die Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen sehr viel getan", würdigte er den Vorgänger seines Gastgebers. Er sorgte unter anderem für jene Milliardenkredite, bei deren Umschuldung Schröder und Putin ihre Ergebnisorientierung unter Beweis zu stellen haben.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben