Politik : Putin in Deutschland: Der doppelte Präsident

Jens Siegert

Ein Spion macht, wie ein Minensucher, nur einen Fehler im Leben - danach ist das Spiel aus. Bereits ein Fehler bedeutet Scheitern, das Ende der Karriere, mag sein des Lebens. Wenn es stimmt, was über den abrupten Abschied des Wladimir Putin von seinem KGB-Posten in Deutschland geschrieben wird, wenn dem Spionage-Oberst 1990 tatsächlich sein nicht fein genug gestricktes Agentennetz zerriss, dann hätte das eigentlich das berufliche Ende sein müssen. Doch zwei Umstände, ein äußerer und ein innerer, bewahrten Wladimir Putin vor dem lebensgeschichtlich gesehen frühen Scheitern: Erstens kehrte der damals 38-Jährige nicht in die Sowjetunion des Kalten Krieges zurück, sondern in ein verändertes Land. Und zweitens scheint der Mann es immer wieder irgendwie zu schaffen, Schwäche in Stärke umzuwandeln.

Wladimir Putin haftet das Doppeldeutige an. So erhält auch die Frage, warum der erste Besuch Putins als Präsident in Deutschland erst so spät und vor allem erst nach den Visiten in Großbritannien, Italien und Spanien erfolgt, in Russland, Putin-typisch, zwei Anworten. Die eine lautet: Die einst fast schon herzlichen deutsch-russischen Beziehungen hatten sich angesichts von Tschetschenienkrieg, Umschuldungsproblemen und Beutekunst merklich abgekühlt. Die andere: Putin habe sein besonderes Verhältnis zu Deutschland, das in der russischen Staatsführung misstrauisch beäugt wird, nicht auch noch durch einen schnellen Besuch unterstreichen wollen.

Seit dem Sturz der Zaren, die mit deutschen Fürstenhäusern mannigfach verbandelt waren, ist Putin nach Lenin der zweite russische Führer, der Deutsch spricht. Fünf Jahre war er KGB-Resident in Dresden, danach als stellvertretender Bürgermeister von St. Petersburg für die Kontakte mit der Partnerstadt Hamburg verantwortlich. Bis zu seinem Aufstieg in höchste Staatsämter gingen Putins Töchter in Moskau auf die deutsche Schule. "Sie sprechen selbst zu Hause deutsch miteinander", hat Putin vor kurzem in einem Interview gesagt. Deutschland gehört zu Putins Leben.

Vom Horch-Vorposten in Dresden zog sich Putin auf eine stille Dozentenstelle an der Leningrader Universität zurück, um von dort aus eine zweite Karriere zu starten, als Politiker. In seiner Wahlkampfschrift "Aus erster Hand" schildert Putin diesen Übergang ganz undramatisch. Sein ehemaliger Professor, der damalige Leningrader Bürgermeister Anatolij Sobtschak, habe ihn gefragt, ob er für ihn arbeiten wolle. Seinen bisherigen Arbeitgeber, den KGB, habe er daraufhin um Entlassung gebeten, die umgehend gewährt worden sei. Diese lakonische, nie zu tief schürfende Erzählweise zieht sich durch das ganze Bändchen, einer seltsamen Mischung aus biografischen Versatzstücken in Interviewform und Anekdoten von Menschen, die Putin nahe stehen.

Darin schildert Putins alte Lehrerin sein ärmliches Elternhaus, eine winzige Gemeinschaftswohnung ohne warmes Wasser oder gar Bad, die Toilette "fürchterlich, eiskalt und schrecklich". Dort, vor allem im Großstadthinterhof, will der eher kleine und schmächtige Junge auch gelernt haben, sich durchzusetzen. Dazu lernte er Judo und mit den harten Griffen auch gleich eine Lebensphilosophie: "Judo ist nicht nur Sport, da hat alles seinen erzieherischen Sinn, bis zu den Ritualen." Die Faszination für geordnete Aufzüge, militärische Disziplin und vorgeschriebene Dienstwege hat sich bis heute erhalten, auch wenn sich Putins äußere Erscheinung dieser Vorliebe wenig unterordnen will.

Am 7. Mai durchschritt Wladimir Putin drei lange goldgeschmückte Kremlsäle, rechts und links des roten Teppichs standen die Ehrengäste Spalier, um zum Ort seiner Vereidigung zu gelangen. Sein Gang hatte etwas Angespanntes, war schleifend, aber doch energisch. Den Oberkörper hielt er leicht vorgebeugt, die Arme schlenkerten ein wenig hochgezogen wie Fremdkörper an der Seite. Putin gehe wie der personifizierte KGB, sehr sowjetisch, als ob er immer einen Aktenordner unter den Achseln trage, bemerkte eine Moskauer Politologin bei diesem Anblick schaudernd. KGB, diese drei Buchstaben fallen jedem in Russland sofort beim Stichwort Putin ein, im Guten wie im Bösen.

Er habe schon als Junge KGB-Spion werden wollen, bekennt der Wahlkämpfer in seinem Büchlein, das mangels anderer Informationsquellen so etwas wie eine halboffizielle Biografie ist. Als 15-Jähriger sei er zum "Großen Haus", zur Leningrader KGB-Zentrale, gegangen, um sich zu bewerben. Dort mit dem Rat versehen, der Dienst rekrutiere seinen Nachwuchs auf eigene Initiative und bevorzugt unter Juristen, studierte Putin so lange, bis er angeworben wurde. Von den Repressionen des KGB im Inneren will er nichts gewusst haben. "Wir lebten doch unter den Bedingungen des totalitären Staates", antwortete Putin auf eine entsprechende Frage von Journalisten. Auslandsspione standen in Russland in einem tadellosen Ruf - und genießen ihn bis heute.

Putins KGB-Vergangenheit eignet sich wunderbar als Kristallisationspunkt von Hoffnungen oder Ausgangspunkt von Befürchtungen. "Spion wollten doch 90 Prozent der Jungen damals werden", ist die eine Standardantwort auf die Frage, was dieser schon so früh gehegte und zielstrebig erfüllte Berufswunsch wohl für den späteren Politiker Putin bedeuten möge. Die andere Antwort lautet: "So naiv, nichts zu wissen, war doch keiner." Ebenso wie die Meinungen darüber auseinandergehen, bleiben auch des Präsidenten tatsächliche Pläne und Fähigkeiten im Ungefähren.

Ist das nun routinierte Tschekisten-Taktik oder Unentschlossenheit, oder fehlt Putin gar die Kontrolle über den Staatsapparat, wenn er das eine sagt, aber etwas ganz anderes geschieht? Putin habe kein Programm, urteilt Jan Ratschinskij von der Menschenrechtsorganisation "Memorial". Deshalb neige er zu einfachen Entscheidungen, Zufälligkeiten und Extreme eingeschlossen. Sein Kollege Arsenij Roginskij sieht dagegen durchaus einen roten Faden in Putins Verhalten. Wahrscheinlich sei es eine Art doppeltes Spiel: Auf der einen Seite der Versuch, stabile Verhältnisse für westliche Investoren zu schaffen und auf der anderen Seite über Gängelung der Massenmedien die politische Entwicklung in Russland unter Kontrolle zu halten.

Dass Wladimir Gussinskij, der Besitzer der größten kremlunabhängigen Medienholding "Media-Most", am Dienstagabend verhaftet wurde, scheint in diese Richtung zu deuten. Schon am 11. Mai hatten maskierte Bewaffnete vom Geheimdienst FSB oder vielleicht von der auch nicht zimperlichen Steuerpolizei das Hauptquartier von Media-Most heimgesucht. Angeblich hatte der konzerninterne Sicherheitsdienst verbotenermaßen kompromittierendes Material über Staatsbeamte, Politiker und Wirtschaftsbosse gesammelt. Putin wusste offiziell nichts von dieser Polizeiaktion, die ein Moskauer Gericht inzwischen für illegal erklärt hat.

Nun sitzt Gussinskij im berüchtigten Butyrka-Untersuchungsgefängnis. Ihm wird vorgeworfen, mittels eines St. Petersburger Tochterunternehmens umgerechnet etwa zehn Millionen Dollar Staatsgelder veruntreut zu haben. Fernsehjournalisten, die sich noch im letzten Wahlkampf gegenseitig kompromisslos verleumdet hatten, verurteilten Gussinskijs Verhaftung noch am Dienstagabend in seltener Einmut als gezielte Aktion gegen die Pressefreiheit. Putin, schon auf Staatsbesuch in Madrid, gab wieder den Unwissenden. Er sei nicht informiert, hoffe aber, die Staatsanwaltschaft habe gute Gründe für den Arrest, musste er im Verlasquez-Saal des Prado die fernen Ereignisse kommentieren. Im Übrigen sei die Staatsanwaltschaft aber ein unabhängiges Staatsorgan, nur der Überprüfung durch die Gerichte unterzogen. Da muss man in Russland lächeln.

Das Lächeln, Wladimir Putins seltsames Lächeln ist eine etwas schiefe Bewegung des großen Mundes, die Augen machen nicht mit. Man weiß nie, ob das nun als ver- oder überlegen zu deuten ist. Inzwischen fixiert Putin immerhin seine Gesprächspartner. Am späten Anfang seiner öffentlichen Karriere im vorigen August irrlichterten die taubengrau durchscheinenden Augen meist hin und her, als habe ihr Besitzer ein wenig Angst, sich festzulegen.

Ideologisch ist Putin nicht aufgefallen, bis er Premierminister geworden ist. Seine Überzeugung bestehe eher aus Pflichterfüllung als Geheimdienstler denn aus politischen Losungen, heißt es oft. Putin ist also vorwiegend ein Mann der Sekundärtungenden - und damit nach auch in Russland landläufiger Meinung eigentlich eher ein guter Deutscher als ein guter Russe.

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