• Putin in Nordkorea: Der russische Präsident will Pjöngjang zum Ende seines Raketenprogramms überreden

Politik : Putin in Nordkorea: Der russische Präsident will Pjöngjang zum Ende seines Raketenprogramms überreden

Harald Maass/Elke Windisch<p>,Elke Windisch

Nordkoreas Führer Kim Jong Il hat nach russischen Angaben einen Verzicht auf die Fortführung seines Raketenprogramms in Aussicht gestellt. Pjöngjang werde "ausschließlich die Raketentechnologie anderer Länder verwende, wenn es dafür freien Zugang zu Trägerraketen für die friedliche Erforschung des Weltraums bekommt", sagte Russlands Präsident Wladimir Putin nach Angaben der Nachrichtenagentur Itar-Tass am Mittwoch in Pjöngjang. "Wir können die Bedrohung reduzieren, wenn wir Nordkorea seine Trägerrakete liefern", sagte Putin.

Putin, der ein zweistündiges Gespräch mit Kim Jong Il hatte, sah nach eigenen Angaben Raum für Verhandlungen. Das Treffen sei "offen und intensiv" gewesen. Kim habe ihm versichert, dass "alle Raketenprogramme Nordkoreas einen ausschließlich friedlichen Charakter haben", hieß es laut Inter-Tass weiter. Weil Pjöngjang keine westlichen Journalisten ins Land lässt, konnten die Agenturangaben nicht überprüft werden.

Nordkoreas Staatsmedien hatten im vergangenen Jahr den Abschuss einer unbestückten Mittelstreckenrakete über Japan als Vorbereitung für einen Raumflug dargestellt. Westliche Experten sprachen dagegen eindeutig von einer militärischen Rakete. In Verhandlungen mit den USA in der vergangenen Woche hatte Pjöngjangs Unterhändler für den Verzicht auf das Raketenentwicklungsprogramm eine Entschädigung von einer Milliarde US-Dollar verlagt. Washington hatte abgelehnt.

Putin, der zuvor zum Staatsbesuch in China war, ist der erste Kreml-Chef, der Nordkorea besucht. Kim Jong Il begrüßte Putin persönlich am Flughafen. Anschließend fuhren die beiden Staatsmänner entlang von Zehntausenden jubelnden Nordkoreaner in die Stadt. Nachdem Putin die Gedenkstatue des verstorbenen nordkoreanischen Diktators Kim Il Sung einen Kranz abgelegt hatte, traf er mit Kim Jong Il zu den Gesprächen zusammen.

Russland und Nordkorea waren einst enge Verbündete. Nach dem Koreakrieg (1950-53) unterstütze Moskau den Aufbau des Nordens durch massive Waffenlieferungen und technische Hilfe. Seit dem Zerfall der Ostblocks hat sich das Verhältnis jedoch stark abgekühlt. Pjöngjangs Führung hielt an dem stalinistischen Kurs weiter und schantze sich gegenüber dem Ausland ab. Während Russland heute mit Südkorea Handelsbeziehungen von mehr 2,2 Milliarde Dollar unterhält, beläuft sich der Warenaustausch mit dem Norden auf nur 50 Millionen Dollar.

Putins Besuch kommt in einer Phase, in der sich Nordkorea erstmals seit Jahren wieder dem Ausland öffnet. Im Juni waren Südkoreas Präsident Kim Dae Jung und Nordkoreas Kim Jong Il zu einem historischen Gipfeltreffen in Pjöngjang zusammengetroffen, bei dem sich beide Seite auf eine Politik der Entspannung in Richtung eines möglichen Friedens geeinigt hatten. Das einst abgeschottete Nordkorea hat in den vergangenen Monaten zudem eine diplomatische Offensive gestartet, und zu mehreren europäischen und asiatischen Staaten Beziehungen aufgenommen.

Für Putin, der am Freitag zum G-8 Gipfel nach Japan weiterreisen wird, hat der Besuch strategische Bedeutung. Die USA werfen Pjöngjang weiter vor, heimlich an der Entwicklung einer nuklearen Langstreckenrakete zu arbeiten. Nordkorea ist nach US-Angaben einer der Gründe für die Entwicklung des geplanten amerikanischen Raketenabwehrsystems (NMD), dass von Moskau und Peking heftig abgelehnt wird. Putin und Chinas Präsident Jiang Zemin hatten am Dienstag vor einem "neuen Wettrüsten" gewarnt, wenn Washington das NMD-System baut. +++ ENDE ++



Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il ließ es sich nicht nehmen, Wladimir Putin schon auf dem Flughafen in Pjöngjang zu begrüßen. Der "geliebte Führer", so Kims offizieller Titel, gilt als menschenscheu, weshalb russische Medien von einer Sensation sprachen. Der Besuch rechtfertigt ohnehin den Gebrauch von Superlativen: Die Bruderhilfe, die seit dem Koreakrieg Anfang der fünfziger Jahre von Moskau nach Nordkorea floss, belastete den sowjetischen Staatshaushalt jährlich mit Millionen. Trotzdem besuchte kein sowjetischer Staatschef das international weitgehend isolierte Land.

Das Ziel von Putins Nordkorea-Besuch unterscheidet sich kaum von der gerade zu Ende gegangenen Visite in China. Russland will auf dem G-8-Gipfel in Okinawa die USA zum Verzicht auf ein nationales Raketenabwehrsystem bewegen. Dabei kann Putin mit der in Peking unterzeichneten Erklärung zwar auf massive Flankendeckung Chinas verweisen: Der von den USA geplante nukleare Schirm würde auch über der Pazifikregion aufgespannt werden, wodurch nicht nur Moskau, sondern auch Peking seine Sicherheit bedroht sieht: Amerikanische Abwehrkomplexe würden dann auf Taiwan, dessen Unabhängigkeit Rotchina nie anerkannt hat, und damit direkt vor den Küsten Chinas in Stellung gehen.

Den Schlüssel zu Putins Erfolg aber hat nicht Chinas Jiang Zemin, sondern der als extrem schwierig und unberechenbar geltende Nordkoreaner Kim in der Hand. Ihn muss Putin zum Verzicht auf dessen Raketenforschungsprogramm überreden. Einschlägige Tests Pjöngjangs im letzten Jahr, von denen sich neben Taiwan, vor allem treue Verbündete Washingtons wie Südkorea und Japan massiv bedroht fühlten, lieferten Clinton einen plausiblen Vorwand für die Neuauflage des Sternenkrieg-Projekts von Ronald Reagan. Ein Kurswechsel Pjöngjangs wäre daher ein nicht zu unterschätzender Trumpf in Putins Hand für Okinawa. Zumal auch die europäischen NATO-Verbündeten einschlägigen Plänen der USA einer eher skeptisch gegenüberstehen.

Die Chancen dafür stehen gut. Denn Putin kam nicht mit leeren Händen: Aus russischen Delegationskreisen verlautete, Putin würde sich für ein Einlenken der Nordkoreaner bei den Raketentests mit Wiederaufnahme der Wirtschaftshilfe revanchieren. Putin, will, wie die Zeitung "Wremja-MN" schreibt, Pjöngjang eine größere Menge von russischen Panzerspähwagen und moderne Abfangjäger der Typen Mig-29 und SU-30 verkaufen. Letztere stehen weltweit nahezu konkurrenzlos in ihrer Klasse dar und wurden bereits an China und Indien geliefert. Für das bankrotte Nordkorea aber sind sie unerschwinglich. Dem Deal muss daher eine politische Entscheidung vorausgehen und zu der dürfte der Kreml nur gegen massive politische Zugeständnisse Kims bereit sein.

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