Politik : Putin zu Besuch: Guter Freund, schlechter Demokrat

Afghanistan ist out, Russland, nach den Terroranschlägen im letzten September eher stiefmütterlich behandelt, ist in. Putin sei Dank dafür. Millionen verfolgten die detailverliebte Live-Berichterstattung seiner Deutschland-Visite, die nichts ausließ, was Punkte bringt: ein bisschen Goethe, ein bisschen Biolek und jede Menge Schröder. Selten kam ein ausländischer Staatschef in den sonst eher kritischen deutschen Medien so positiv weg.

Die Euphorie ist nachvollziehbar. Zwischen dem ewig grummelnden Jelzin und dessen unendlicher Krankengeschichte und dem Ski fahrenden Putin, der statt Wodka Wasser trinkt, liegen Welten. Und: Der russische Präsident spricht gut deutsch. Wohl dosiert lockert er fade politische Sonntagsreden mit umgangssprachlichen Bonmots auf, wodurch er schon im September die Herzen deutscher Wähler und ihrer Vertreter im Sturm nahm. Ein Kunstgriff, so alt, wie die Politik selbst.

Vor allem Staatschefs mit nicht ganz makelloser demokratischer Reputation verwendeten stets viel Mühe darauf, mit glänzenden Auftritten im Ausland Kritiker im eigenen Land ad absurdum zu führen. Gerade die Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, von Peter dem Großen bis Michail Gorbatschow liefert dazu Beispiele in Hülle und Fülle. Weiße wie rote Zaren gab es stets in zweifacher Ausfertigung: mit Hochglanz und Goldschnitt für den Export, auf ungebleichtem Recyling-Papier und mit der Rotationspresse gedruckt, als Volksausgabe für den Binnenmarkt.

Unter Putin allerdings lief die Janusköpfigkeit des Dritten Roms zu bisher unerreichten Höhen auf. Einerseits zeigt der harte Dienst als Kundschafter an der unsichtbaren Front seine Wirkung. Andererseits hat der Ex-KGB-Mann tatsächlich etwas zu bieten. Zumindest dem Westen. Russlands Außenpolitik ist seit dem Machtwechsel im Kreml erheblich berechenbarer und trotz fortbestehendem Dissens zu einigen essentials wie Raketenabwehrsystem und NATO-Osterweiterung eher westlich orientiert. Putin stellte sich nach den Terroranschlägen in den USA als einer der ersten auf die Seite der Anti-Terror-Koalition.

Ohne die Öffnung von Luftraum und Nutzungsrechten für die Basen in Zentralasien, zu der sich die dortigen Staatschefs erst nach Druck aus Moskau bereit fanden, wären die militärischen Erfolge in Afghanistan undenkbar gewesen. Und die neue, differenzierte Sicht der Nahost-Problematik dürfte sich, auch wenn sie teilweise dem hohen Anteil russischer Emigranten in Israel geschuldet ist, noch segensreich auswirken.

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Kompromissbereitschaft, die allerdings ihren Preis hat: Zurückhaltung bei der Kritik am Tschetschenienkrieg und dem Umgang der Macht mit oppositionellen Medien oder handfeste finanzielle Zugeständnisse, wie Putins harte Linie beim Hickhack um den realen Wert der sowjetischen Schulden gegenüber der ehemaligen DDR bewies. Ein Pfund, mit dem Putin in erster Linie im eigenen Land wuchern dürfte. Teile von Armee- führung und Geheimdiensten, die Putin einst zur Macht verhalfen, monieren die Aufgabe des russischen Monopols in Zentralasien und im Transkaukasus offen als Landesverrat. Kritik, die angesichts der Tatsache, dass die Masse der Bevölkerung zur Halbzeit der ersten Amtszeit Putins noch immer unter oder in der Nähe der Armutsgrenze lebt und sich um die lichte Zukunft erneut geprellt sieht, auf durchaus fruchtbaren Boden fällt. Sinkendes Rating des Hoffnungsträgers beweist es. Parallelen zum späten Gorbatschows, dessen Ende den Westen kalt erwischte, sind nicht zu übersehen. Nicht mal auf Bios Boulevard.

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