Politik : Putins kleine Rache

Dagmar Dehmer

Berlin - Manche Reaktionen Russlands findet Clifford G. Gaddy ein „bisschen pubertär“. In diese Kategorie gehört beispielsweise die Drohung Moskaus, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) verlassen zu wollen. Manche Entscheidungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin versteht Gaddy als „kleine Rache für die Ignoranz des Westens in den 90er Jahren“. Der amerikanische Politikwissenschaftler forscht seit 1991 an der unabhängigen Brookings Institution über Russland. Am Donnerstag war er auf Einladung der American Academy in Berlin.

Gaddys Hauptthese: Moskau kann es sich leisten, auch irrationale Entscheidungen zu treffen – der Ölboom macht es möglich. Allerdings seien damit Russlands Schwierigkeiten, auch die wirtschaftlichen, nicht gelöst. Als Putin sein Amt antrat, war Russland ganz unten. Die Ölproduktion war auf einem Tiefstand von sechs Millionen Barrel (je 159 Liter) pro Tag angelangt. Heute liege die Produktion wieder bei etwa zehn Millionen Fass pro Tag. Und der Westen sei ganz erstaunt, „dass Russland wieder da ist“, sagte Gaddy dem Tagesspiegel. Eigentlich hätten die Strategen in der amerikanischen Regierung immer gedacht, wenn Russland wieder kommt, dann, weil die ökonomischen Reformen gegriffen haben. „Dann werden sie so sein wie wir, dachten viele“, sagt Gaddy. Niemand habe damit gerechnet, dass das Öl Russlands Sonderweg finanzieren würde.

Gaddy sieht durchaus Risiken darin, dass die plötzlich reichen russischen Staatskonzerne sich nun in deutsche Firmen einkaufen wollen. Diese Konzerne könnten die Vorteile einer offenen Wirtschaft nutzen, ohne selbst aus einer solchen Tradition zu kommen. Russland seinerseits bemühe sich, die schlechten Geschäfte aus den 90er Jahren, „als alle Russland wirklich arrogant behandelt haben“, neu zu verhandeln. Als Indiz nannte er die Schwierigkeiten der Ölkonzerne Shell und BP mit ihrem versuchten Einstieg in das Ölfeld bei Sachalin im Nordostpazifik.

Nach Gaddys Einschätzung führt Putin Russland wie ein Konzernlenker. Seine Mission sei, dem Land wieder Größe zu geben. Deshalb sei auch noch nicht entschieden, ob Putin, dessen Amtszeit 2008 ausläuft, nicht doch noch die Verfassung ändern lässt, um sich eine dritte Amtszeit zu ermöglichen.

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