Putschversuch in Guinea-Bissau : Soldaten bringen Hauptstadt unter ihre Kontrolle

Erst Mali, jetzt Guinea-Bissau: Zum zweiten Mal binnen weniger Wochen greifen in einem westafrikanischen Staat Militärs nach der Macht. In Guinea-Bissau attackierten Soldaten das Haus des Regierungschefs mit Granaten und nahmen ihn fest.

Regierungschef Carlos Gomes Junior gilt als Favorit bei den laufenden Präsidentenwahlen.
Regierungschef Carlos Gomes Junior gilt als Favorit bei den laufenden Präsidentenwahlen.Foto: dpa

Die Streitkräfte von Guinea-Bissau haben offenbar das Zentrum der Hauptstadt des westafrikanischen Landes unter ihre Kontrolle gebracht. Soldaten stürmten am Donnerstagabend den nationalen Rundfunksender und attackierten die Residenz von Regierungschef Carlos Gomes Junior, wie Augenzeugen und AFP-Journalisten berichteten. Nach Angaben eines Diplomaten beschossen die Soldaten Gomes' Haus mit Granaten. Später nahmen sie Gomes, der auch als Favorit bei den laufenden Präsidentenwahlen gilt, fest, wie örtliche Medien in der Nacht zum Freitag berichteten. Dabei wurde nach Informationen des Senders RDP mindestens ein Mensch getötet.

Augenzeugen berichteten der Nachrichtenagentur dpa aus der Hauptstadt Bissau, dass Schüsse zu hören seien. Aus Furcht würden die Menschen in ihren Häusern bleiben. Wie das portugiesische Fernsehen aus der früheren Kolonie berichtete, sei auch die Zentrale der Regierungspartei PAIGC unter Kontrolle der Militärs. Außerdem hätten Soldaten an strategisch wichtigen Punkten der Hauptstadt Stellung bezogen. Über die Hintergründe war zunächst nichts bekannt. Die regionale Staatengemeinschaft ECOWAS erklärte, sie verurteile „jeden Versuch eines Putsches“.

Am frühen Abend fielen in der Hauptstadt zunächst die Signale der Radiosender aus. Kurz darauf war Mörserfeuer zu hören. „Ich bin im Büro und es wird verhindert, dass ich es verlasse“, sagte der Diplomat, der anonym bleiben wollte, der Nachrichtenagentur AP am Telefon. Die Innenstadt sei vom Militär abgeriegelt worden, die Aufenthaltsorte des Ministerpräsidenten und des Interimspräsidenten seien nicht bekannt.

Die Soldaten seien von Botschaft zu Botschaft gegangen, um zu verhindern, dass Politiker dort Zuflucht suchen könnten, sagte der Anwohner Edmond Ajoye, der im Land für eine niederländische Hilfsorganisation arbeitet. Von 19.00 Uhr bis 21.00 Uhr seien in der Stadt Schüsse zu hören gewesen. „Es herrschte Panik. Frauen rannten umher“, sagte Ajoye. Raketen seien abgefeuert worden und Soldaten hätten von Lastwagen aus mit ihren Gewehren geschossen.

Guinea-Bissau ist bereits der zweite Staat in Westafrika binnen weniger Wochen, in dem Militärs die Macht an sich gerissen haben. Am 22. März hatten meuternde Soldaten in Mali Präsident Amadou Toumani Touré gestürzt. Auf Druck der Nachbarländer und der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas machten sie inzwischen jedoch den Weg für eine zivile Übergangsregierung frei.

Wie im Fall Mali stehen auch in Guinea-Bissau Wahlen unmittelbar bevor. Für den 29. April ist eine Stichwahl um die Präsidentschaft geplant. Ministerpräsident Carlos Gomes Junior soll dabei gegen den ehemaligen Präsidenten Kumba Yala antreten. Yala hatte kürzlich verkündet, er werde die Wahl boykottieren. Die vorgezogenen Wahlen waren nach dem Tod von Präsident Malam Macai Sanha im Januar notwendig geworden.

Seit der Unabhängigkeit von Portugal im Jahr 1974 hat es in Guinea-Bissau immer wieder Staatsstreiche und auch einen Bürgerkrieg gegeben. Seither hat kein Präsident eine volle Amtszeit von fünf Jahren überstanden. Das Land am Atlantik, das zwischen Senegal und Guinea liegt, ist bitterarm. Es belegt auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen einen der letzten Plätze.

Zuletzt wurde das westafrikanische Land zusätzlich durch wachsenden Kokain- Handel destabilisiert. Drogenschmuggler aus Südamerika entdeckten die unbewohnten Inseln vor der Küste des Landes vor einigen Jahren als idealen Umschlagplatz für den Transport der Drogen nach Europa. Die Drogenschmuggler haben nach Angaben von Experten auch Schlüsselpersonen in der Regierung und beim Militär bestochen und sich damit großen Einfluss erkauft.

(dapd, dpa, AFP)

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben