Politik : Radar-Studie: Streit um die Gefahr "Das Gutachten ist eine Frechheit"

Die Universität Witten-Herdecke hat die Zusam

Bernd Ramm ist akademischer Direktor der Strahlenphysik in Berlin. Der Medizin-Physiker studierte in Bonn und arbeitete beim größten deutschen Hochenergie-Physikzentrum, der Deutschen Elektronen Synchrotron (Desy) in Hamburg. Der Verfasser von zwölf Fachbüchern war an dem Medizinischen Wörterbuch Pschyrembel beteiligt.



Die Universität Witten-Herdecke hat die Zusammenfassung ihres Gutachtens über die Gefährdung von Radartechnikern durch Bundeswehr-Radargeräte ins Internet gestellt. Wie bewerten Sie sie?

Ich halte mich für einen vorsichtig argumentierenden Wissenschaftler. Aber diese Veröffentlichung ist geradezu eine Frechheit.

Warum eine Frechheit?

Unter der Überschrift "Gefahr durch Radar" wird dort festgestellt, dass Radarstrahlung zwar Erkrankungen, aber nicht Krebs erzeugen können. Das kann man so absolut nicht formulieren. Es ist nicht auszuschließen, dass Radarstrahlen auf der Ebene der Zellen zu Chromosomenveränderungen und damit zu bösartigen Erkrankungen führen können.

Bei der Erzeugung von Radarstrahlung entstehen Röntgenstrahlen. Was bedeutet das?

Die Universität Witten-Herdecke schreibt dazu im Internet: "Wenn die Strahlenschutzvorschriften nicht eingehalten werden, dann ist die Entstehung von Blutkrebs mindestens hypothetisch möglich." Die international übereinstimmende Lehrmeinung dagegen ist: Röntgenstrahlung kann jede Art, ich betone: jede Art von Krebs erzeugen - auch Blutkrebs. Und für diese Wahrscheinlichkeit gibt es keine untere Dosisgrenze.

Kann das Risiko steigen? Einige Radartechniker sollen nach Protokollen der Bundeswehr einer Röntgenstrahlung von mehr als 3 Sievert pro Jahr ausgesetzt gewesen sein.

Mit steigender Strahlenmenge, mit der so genannten Äquivalentdosis, steigt auch das Krebsrisiko. Es gibt dafür sogar Zahlen - von 100 Menschen, die mit 1 Sievert Röntgenstrahlung am ganzen Körper bestrahlt werden, sterben im Durchschnitt 5. Würden also 10 000 Menschen in ihrem Leben mit 1 Sievert bestrahlt, würden rund 500 von ihnen an Krebs sterben. Das Risiko zu erkranken liegt dagegen bei 7,5 pro 100.

Welches Fazit ziehen Sie aus dem Gutachten?

Nach dem, was im Internet zu lesen ist, erfüllen diese Aussagen eventuell die Anforderungen einer Oberstufenklasse im Fach Physik/Biologie - aber als Gutachten für das Bundesverteidigungsministerium erscheinen diese Aussagen als nicht tragbar.

Geforscht hat immerhin das Zentrum für Elektropathologie ...

Ich habe mit Erstaunen vernommen, dass ein Institut, dass sich ansonsten mit Pferdetherapie und Radio- oder Fernsehwellen beschäftigt, vom Verteidigungsministerium solch einen Auftrag in so einer hochkomplizierten Materie wie Röntgenstrahlung bekommen hat. Der Strahlenschutz hat offenbar nicht mehr jene Relevanz, die er unter dem früheren Präsidenten Alexander Kaul, einem auch international geschätzten Wissenschaftler, hatte. Jetzt ist ein sehr enger Vertrauter von Umweltminister Trittin Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz geworden - mit einem Abschluss an einer Fachhochschule für Gartenarchitektur.

Gibt es Vermutungen über weitere erkrankte Bundeswehr-Angehörige, die während ihrer Dienstzeit mit Radar gearbeitet haben?

Da sind zum einen jene 99 Menschen, die in der Studie erfasst sind. Zudem berichten fünf Soldaten, die heute teilweise im Ruhestand sind, von bundesweit mehr als 100 weiteren früheren Kollegen, von denen 30 verstorben und 70 krebskrank sind. Allein am Flak sollen damals insgesamt 1000 Radartechniker ausgebildet worden sein.

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