Politik : Radikalliberale Unschuld

Wie der FDP-Landtagskandidat Claus Hübscher seinen Besuch beim iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad verteidigt.

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Claus Hübscher hätte es wissen können. „Warum fährst du da hin? Was handelst du dir da ein?“, fragten Bekannte den FDP-Landtagskandidaten aus Delmenhorst bei Bremen, bevor er als Privatmann zu einer zehntägigen Iranreise aufbrach. Jetzt ist er wieder da, und ein Sturm der Entrüstung fegt über ihn hinweg. Denn der 65-jährige ehemalige VHS-Chef war mit seiner Reisegruppe auch Gast bei Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Hübscher hat ihm die Hand geschüttelt, sich mit ihm fotografieren lassen und hinterher erstaunlich Positives über ihn verlautbart: Ahmadinedschad bestreite weder den Holocaust noch lasse er Atomwaffen entwickeln.

Die allgemeine Empörung hat ihn jetzt einen Dozentenjob gekostet: Die Volkshochschule, an der Claus Hübscher als Ruheständler noch einen Gesprächskreis über Kulturen und Religionen leitete, hat ihn fristlos entlassen, weil er „dem Ansehen der VHS erheblich geschadet“ habe. Der Rauswurf droht ihm womöglich auch beim Freundeskreis der jüdischen Gemeinde und bei der FDP, für die er 2013 in den niedersächsischen Landtag einziehen möchte. „Diejenigen, die mich verfolgen, weisen die Tendenz auf, mich mundtot machen zu wollen“, sagt Hübscher. Wehren will er sich trotzdem nicht, sollte er tatsächlich nach 34 Jahren aus der Partei fliegen. Er werde sich nicht „krampfhaft an irgendwelche Sessel klammern“, sagt Hübscher.

Zu der verhängnisvollen Bildungsreise lud ihn der islamische Fundamentalist Yavuz Özuguz ein. Der 52-Jährige leitet in Delmenhorst den Verein „Islamischer Weg“ und betreibt das Internetportal „Muslim-Markt“ (Leitspruch: „Im Namen des Erhabenen“). Özuguz tauchte schon im Antisemitismusbericht der Bundesregierung und mehrfach in Verfassungsschutzberichten auf. Hübscher störte das nicht, denn der sieht in Özuguz vor allem einen Islamexperten.

Er habe sich mit eigenen Augen ein Bild vom Iran machen wollen, erklärt der sozialliberale Politiker: von den Menschen, von der größten Autofabrik, vom Parlament, von Frauenorganisationen. Wie die anderen 15 Reiseteilnehmer zahlte er nur den Flug, den Rest übernahm eine regierungsnahe Organisation – laut Hübscher eine Art akademischer Austauschdienst.

Erst unterwegs, so erzählt es der 65-Jährige, erfuhr die Gruppe von der Privataudienz beim Präsidenten. Jeder durfte vorab Fragen einreichen. Seine lautete ungefähr so: Was sage ich meinen jüdischen Freunden zu dem Vorwurf, dass Sie den Holocaust leugnen?

Über eine Stunde lang habe Ahmadinedschad geredet und Fragen beantwortet. Falls er den schwer zu verstehenden Simultandolmetscher richtig verstanden habe, erklärt Hübscher, dann sagte der Präsident zur deutschen Judenvernichtung: Es wäre ja dumm, geschichtliche Fakten zu leugnen. Aber er habe auch gesagt, die Deutschen „mythologisierten“ den Holocaust. Sie sollten jetzt lieber die Amerikaner und Israelis von einem ähnlichen Völkermord an Iranern abhalten. „Das ist das, was ich da rausgehört habe, und ich kann dem durchaus folgen“, sagt Hübscher.

Zudem habe der Präsident versichert, keine Atomwaffen zu entwickeln – was zu Hübschers Genugtuung auch der US-Generalstabschef Martin Dempsey so sieht.

Hat sich der Provinzpolitiker für Propagandazwecke ausnutzen lassen? „In die Gefahr gerät man immer“, antwortet Hübscher. Doch wenn er sich beispielsweise dem Gruppenbild verweigert hätte, „dann wäre das Manipulation gewesen: Ich höre ihm zu und verstecke mich dann“. Würde er denn auch Nordkoreas Diktator die Hand schütteln? Das käme auf die Umstände an, findet Hübscher. Grundsätzlich würde er auch an einer Informationsreise durch Nordkorea teilnehmen. Er sei eben „etwas radikalliberaler“, sagt der FDP-Mann. Er sei jemand, der ohne Vorbehalte und Dogmen mit anderen redet. Integrationsbeauftragter der Stadt Delmenhorst war er und habe zudem Migranten in die Partei gelotst. Und Gewerkschaftsmitglied ist er, bei Verdi.

Nach der ersten Empörungswelle ließ Hübscher über die Niedersachsen-FDP eine Erklärung abgeben. Darin distanzierte er sich „in aller Deutlichkeit“ von Ahmadinedschads „Aufrufen zum Kampf gegen den Staat Israel“ und seinen „wiederholten Holocaustleugnungen“. Also doch ein Leugner? Hübscher interpretiert diese Erklärung so: Er wisse nichts von den Leugnungen, aber „wenn sie so erfolgt sein sollten, würde ich mich davon distanzieren“.

Hübscher hat nun keine Ruhe mehr. Ein anonymer Anrufer habe ihm angedroht, alles für seinen Rauswurf aus der FDP zu tun. Der Diplom-Volkswirt und dreifache Vater fühlt sich „missverstanden und überinterpretiert, von A bis Z“ und sagt: „Ich kann dem Günter Grass jetzt nachfühlen, was er mitmacht.“

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