Radioaktivität und Gesundheit : Streit über die Folgen von Tschernobyl

Darüber, wie viele Menschen an den Folgen der Atomkatastrophe von Tschernobyl vor knapp 20 Jahren gestorben sind, wird seit damals gestritten. Am Donnerstag wurden zwei Studien veröffentlicht, die den Einschätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) stark widersprechen. Das Tschernobylforum, dem WHO und IAEO angehören, hatte im September eine Schätzung veröffentlicht, nach der bis heute 50 Menschen an den Folgen der Strahlenbelastung gestorben seien, insgesamt sei mit rund 4000 zusätzlichen Krebstoten in den am meisten betroffenen Gebieten der Ukraine, Weißrusslands und Russlands zu rechnen.

Der britische Strahlenforscher Ian Fairlie präsentierte „The Other Report on Chernobyl“ (Torch), eine Studie im Auftrag der grünen EU- Abgeordneten Rebecca Harms. Er wirft dem Tschernobylforum vor, fast 5000 zu erwartende Todesfälle durch Krebs verschwiegen zu haben: „Addiert man die Zahlen in der IAEO/WHO-Tabelle, kommt man auf 8930 Todesfälle durch Krebs, allein in der Ukraine, Weißrussland und Russland.“ Er spricht von einer „endlosen Katastrophe“ und geht von 30 000 bis 60 000 Krebstoten weltweit aus. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast warf Politikern und Lobbygruppen vor, die Atomkraft zu beschönigen. „Das Risiko eines neuen Super-GAUs bleibt und wächst“.

Auch die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW und die Gesellschaft für Strahlenschutz kommen in ihrer Studie über die „Gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl“ zu ganz anderen Schlüssen als das Tschernobylforum. Autor Sebastian Pflugbeil von der Gesellschaft für Strahlenschutz rechnet nach Auswertung vorhandener Daten damit, dass bis 2006 allein zwischen 50 000 und 100 000 Liquidatoren gestorben seien. Das sind die Arbeiter, die nach der Katastrophe den havarierten Reaktor gesichert haben. In der Tschernobylregion seien nach UN-Angaben zwischen 12 000 und 83 000 Kinder mit genetischen Schäden geboren worden. In Weißrussland seien seit 1986 mehr als 10 000 Menschen an Schilddrüsenkrebs erkrankt. Die IPPNW-Vorsitzende Angelika Claußen sagte: „Die 50 Toten der IAEO sind auf jeden Fall weit untertrieben.“ dal/deh

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