Politik : „Radovan, ich flehe dich an, gib auf!“

Die Ehefrau des Kriegsverbrechers Karadzic ruft ihren Mann im Fernsehen auf, sich dem Tribunal zu stellen

Caroline Fetscher

Berlin - Schwer atmend und mit belegter Stimme tritt Liljana Karadzic am Donnerstagabend vor die Kameras des bosnisch-serbischen Fernsehens. Ihr Appell richtet sich an ihren eigenen Mann, an Radovan Karadzic, mutmaßlicher Kriegsverbrecher und auf der Flucht vor der Justiz: „Es fällt mir schwer, dich dazu aufzufordern, aber ich bitte dich von ganzem Herzen, aus ganzer Seele, dich dem Tribunal zu stellen.“ Sie schien sich die Worte abzuringen, und ihr Pathos wirkte überzeugend: „Ich bitte dich, ja, ich flehe dich an“, sagte Liljana Karadzic. In schwarzem Kleid, mit dunkler Dauerwelle und großen Ringen an den Fingern, faltete die Ehefrau des Untergetauchten die Hände wie zum Gebet. „Bring dieses Opfer für die Familie“, bat sie. „Wir leben unter unerträglichem Druck.“

In der Tat, der Druck ist groß. Seit mehr als zehn Jahren fordern die Ankläger des Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) von UN-Truppen, Nato-Truppen, EU-Polizisten und den örtlichen bosnischen Behörden die Festnahme des Mannes, den anglophone Medien oft „the Butcher of Bosnia“ nennen, den Schlächter von Bosnien. Angeklagt hat ihn das ICTY unter anderem wegen der Belagerung und Beschießung Sarajevos, wegen Mordes an Tausenden bosnisch-muslimischen Zivilisten – darunter das als Völkermord klassifizierte Massaker von Srebrenica im Juli vor zehn Jahren – und der Geiselnahme von 284 Soldaten der UN-Friedenstruppen. Vier Millionen Euro hat Interpol auf den Kopf jenes Mannes ausgesetzt, der nach Osama bin Laden der meistgesuchte Verbrecher der Welt ist.

Dutzende Male entrann Karadzic nur knapp seinen Häschern. Zu seinem Schutz gebe es ein Netzwerk von orthodox-nationalistischen Äbten und Mönchen serbischer Klöster, eine privat finanzierte Leibgarde von Halbwelttypen, eine Reihe „guter, alter Freunde“ in Mafia und Armee sowie – die Familie, heißt es. Obwohl Frau Karadzic weiter behauptet, nichts von seinem Aufenthaltsort zu wissen, soll sie noch im Mai mit ihm gemeinsam gesehen worden sein.

Rund um die Uhr wird das Wohnhaus von Frau Karadzic in der bosnischen Serbenrepublik von Nato-Soldaten bewacht. Immer wieder durchsuchten Nato-Einheiten die Wohnungen von Mitgliedern der Familie in Pale. Erst vor wenigen Wochen nahmen Nato-Kräfte den Sohn Aleksandar vorübergehend fest.

Karadzic ist eine der wohl schillerndsten Figuren in der Riege der Kriegsverbrecher Ex-Jugoslawiens. Geboren 1945 im montenegrinischen Savnik, studierte er in Sarajevo Psychiatrie, wo er die junge Medizinerin Liljana traf und wo er begann, pompöse serbisch-nationale Verse zu verfassen. Im Krieg avancierte Karadzic zum Präsidenten der nationalistischen Serben in Bosnien und damit zum Oberhaupt der selbsternannten „Republika Srpska“.

Für die BBC gab Karadzic zu Kriegszeiten, auf einem Berghang über dem belagerten Sarajevo, einmal eine Probe seiner Dichtkunst: „Die Stadt brennt wie der Weihrauch in der Kirche. / In dem Rauch sehe ich unser Gewissen. / Zwischen bewaffneten Gruppen, bewaffneten Bäumen. / Alles, was ich sehe, ist bewaffnet. / Alles zeigt Armee, Kampf und Krieg.“

Der Mann, der als Politiker stets eine wilde Dirigententolle trug, orchestrierte die „ethnischen Säuberungen“ – grausame Massenmorde und Vertreibungen – des Bosnienkrieges 1992 bis 1995, bis das Daytoner Abkommen vom Dezember 2005 dieser Karriere ein Ende bereitete. 85 Prozent der 250 000 Toten von Jugoslawiens Zerfallskriegen waren bosnische Muslime, zwölf Prozent Serben und drei Prozent Kroaten.

Die Nato begrüßte den Appell von Karadzics Frau. Jeder „zusätzliche Druck“ auf den früheren Serbenführer „ist zu begrüßen“, erklärte Nato-Sprecher Derek Chappell.

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