• Rätselraten über die Identität des gefassten Rebellenführers - Interimspräsident Putin unter Druck

Politik : Rätselraten über die Identität des gefassten Rebellenführers - Interimspräsident Putin unter Druck

Elke Windisch

Zuerst ließ sich alles ganz prächtig an: Interimspräsident Wladimir Putin informierte am Montagmittag das Kabinett in knappen Worten über die Festnahme eines der bekanntesten tschetschenischen Feldkommandeure - Salman Radujew. Als Drahtzieher mehrerer spektakulärer Anschläge und Geiselnahmen hatte er sich während des ersten Tschetschenienkriegs 1996 einen zweifelhaften Ruhm erworben.

Der "Sonderoperation" des russischen Inlandgeheimdienstes FSB, der Radujew mit der Aussicht auf umfangreiche Waffenkäufe zu einem konspirativen Treff gelockt hatte, widmeten die großen TV-Sender viel Platz. Nach ersten Bildern von der Vernehmung des 33-Jährigen hob allerdings ein landesweites Rätselraten an: Sitzt im Moskauer Hochsicherheitsgefängnis tatsächlich Radujew oder ein Doppelgänger?

Zweifel an der Identität Radujews kamen bereits 1996 auf. Zunächst hieß es, der Rebellenchef sei zusammen mit seinem Schwiegervater, dem ersten tschetschenischen Präsidenten Dschochar Dudajew, unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Wenige Monate später tauchte der Totgesagte wieder auf: Mit Bart, Sonnenbrille, einem Glasauge und Narben im Gesicht. Die, so Radujew, rührten von einer kosmetischen Operation in Deutschland her.

Den jetzt gefassten Radujew als Falsifikat zu enttarnen, wird schwer fallen: Die nächsten 20 Jahre dürfte er hinter schwedischen Gardinen verbringen. Der "Propagandatrick", wie die Moskauer Tageszeitung "Trud" den angeblichen Mega-Coup nennt, hat daher gute Aussichten auf Erfolg. "Ein besseres Wahlgeschenk", höhnt das Blatt, hätten die Geheimdienstler ihrem einstigen Chef Putin nicht machen können. Zwar hatte Putin schon gleich nach seiner Ernennung zum Regierungschef großspurig versprochen, die "tschetschenischen Bandenführer notfalls auf dem Klo zu massakrieren." Doch die blieben bislang auf freiem Fuß. "Salam Salman" titelte auch das Boulevardblatt "Moskowskij Komsomolez" seinen Bericht über den ersten großen Fang, der den Schlapphüten seit Beginn der Kampfhandlungen im September ins Netz ging. "Warum erst jetzt?", fragt das Blatt.

Nach Meinung von Beobachtern hatte der Kreml mindestens drei gute Gründe dafür. Zum einen weisen Putins Zustimmungsraten einen Abwärtstrend auf. Die "Iswestija" veröffentlichte am Montag die Ergebnisse neuester Umfragen der russischen Meinungsforschungsinstitute. Sie bescheinigten Putin allein für die letzte Woche ein Minus von fast sechs Prozentpunkten. Der Grund: Schwere Kämpfe um das Dorf Komsomolskaja - "Putingrad", wo möglicherweise die Entscheidung über den gesamten Krieg fällt. Bereits im November von den Russen eingenommen, wurde der Ort danach von den Rebellen erneut mit Stellungen befestigt.

Hinzu kommt der Tod von 84 Elitesoldaten, die bei einem Hinterhalt an der Grenze zu Dagestan fielen. Über eine Woche hatten Kreml und Armeeführung versucht, den Skandal zu vertuschen. Außerdem soll Radujew offenbar bei der internationalen Schadensbegrenzung mithelfen. Gerüchte besagen seit langem, er stehe auf der Gehaltsliste des FSB und würde daher bei Vernehmungen genau das aussagen, was Moskau braucht, um seine Version von Terrorismusbekämpfung zu rechtfertigen.

Nach einem Besuch vor Ort attestierte jetzt eine Delegation des Europarates Moskau massenhafte Verletzungen von Menschenrechten und Kriegsverbrechen. Schließlich könnte die Festnahme Radujews Signal für einen Kurswechsel Putins gegenüber den jelzinnahen "Oligarchen" sein. Immerhin hatte sich Multimilliardär Boris Beresowski, der private Vermögensberater der "Familie", mehrfach öffentlich mit Spenden für die etwa 10 000 Freischärler Radujews gebrüstet.

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