Politik : Räuber beim Heiligen Vater

Seit fast 800 Jahren werden tote Päpste öffentlich aufgebahrt. Oft kam Wertvolles abhanden – und manchmal kochte der Volkszorn

Paul Kreiner[Rom]

Johannes Paul II. stellt natürlich einen Rekord auf. Aber viele Päpste vor ihm sind unter reger Anteilnahme der Bevölkerung gestorben – wenngleich unter einer Anteilnahme zweifelhafter Art.

Der erste Papst, der öffentlich aufgebahrt und den Gläubigen zur Verehrung dargeboten wurde, war Innozenz III. Der bedeutendste und glänzendste Papst des Mittelalters befand sich gerade auf politischer Mission – er wollte Pisa und Genua versöhnen und sie für einen Kreuzzug gewinnen – da starb er am 12. Juli 1216 in Perugia. Und Innozenz III., so befanden seine Leute, sollte den weltlichen Fürsten an Prachtentfaltung nicht nachstehen. Sie kleideten ihn also in die prunkvollsten Gewänder, zogen ihm die teuersten Ringe an, bahrten ihm im Dom von Perugia auf – und fanden ihn am Morgen danach vollständig ausgeraubt, fast nackt auf seinem Katafalk.

Etlichen seiner Nachfolger erging es nicht viel besser. Mal fehlte ihnen am Tag der Beerdigung das Brustkreuz, mal hatte ein Bischof oder Kardinal das weiße Tuch an sich genommen, mit dem die Gesichter toter Päpste bedeckt werden; bei Alexander VI. war der Ring auf unerklärliche Weise abhanden gekommen. Und allzu Gläubige hatten Benedikt XIII. bei seiner Aufbahrung 1730 nicht nur still und fromm die Füße geküsst, sondern auch gleich noch die rot-goldenen Pantoffeln mitgenommen.

Bei den Diebstählen ging es nicht immer um materielle Bereicherung. Man wollte „Reliquien“ haben, Souvenirs, denen man dann häufig magische, auf jeden Fall heilbringende Bedeutung beimaß – oder die man deswegen zu einem guten Preis irgendwo losschlagen konnte.

Hatte man die Päpste des ersten Jahrtausends in der Regel gleich am Tag ihres Todes und ohne besonderen Ritus bestattet, so fing man im zwölften Jahrhundert an, die Leichname einzubalsamieren. Der Brauch wurde erst 1904 von Pius X. wieder abgeschafft; zugestanden ist seither nur eine Konservierung für die Zeit der Aufbahrung. Aber warum ist dann Johannes XXIII. – gestorben 1963 – in seinem Glassarg so gut erhalten? Hier gehen die Meinungen auseinander. Die einen schreiben dieses „Wunder“ schlicht der Heiligkeit des „Guten Papstes“ zu, die anderen vermuten, die römische Spezialfirma Signoracci habe es, entgegen allen Vorschriften, mit den Konservierungsmitteln damals allzu gut gemeint.

Eine Reihe von Päpsten wurde weder so noch so der Öffentlichkeit präsentiert. Das römische Volk hätte es übel genommen. Als der sittenstrenge und sehr hart regierende Paul IV. 1559 starb, stürmten die Römer die Kerker der Inquisition und befreiten die Gefangenen. Auch stürzten sie aus Hass auf dem Kapitol die Statuen dieses Papstes um. Ganz besonders enttäuscht aber waren die Italiener von Pius IX. Nach dem längsten Pontifikat der Kirchengeschichte – einunddreißigeinhalb Jahre – war er 1878 gestorben. Von einem liberalen, außergewöhnlich populären Papst hatte er sich in einen extrem konservativen verwandelt. Und die Italiener, die in ihm zuerst einen Kämpfer für die Reichseinheit ehrten, sahen sich nachher von ihm verraten. Als der Leichnam 1881 vom Petersdom nach San Lorenzo fuori le Mura umgebettet werden sollte, wurde die Prozession mit Steinen beworfen, und vor der Engelsbrücke versuchten Demonstranten, den Sarg in den Tiber zu werfen.

Zu den etwa sechzig Päpsten übrigens, die außerhalb von Rom bestattet sind, zählt auch Johannes XXI. Der Portugiese war im Mai 1277 als vierter Papst innerhalb von 16 Monaten gestorben – und das unter ungewöhnlichen Umständen: Das Dach seines Arbeitszimmers in Viterbo stürzte über ihm ein. Man begrub ihn an Ort und Stelle.

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