RAF-Prozess : Buback und die Suzuki

Eklat im Prozess gegen Verena Becker: Der Sohn des RAF-Opfers Siegfried Buback hatte Hinweise auf das Tatmotorrad für sich behalten. Jetzt stellen ihn die Ankläger zur Rede.

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In der Defensive: Michael Buback, der Nebenkläger.
In der Defensive: Michael Buback, der Nebenkläger.Foto: AFP

Die Stimmung verschlechtert sich im Mordprozess gegen Verena Becker, die Töne werden schärfer – nicht gegen die angeklagte Ex-Terroristin, sondern gegen Michael Buback, den Sohn des von der RAF getöteten Generalbundesanwalts und Nebenkläger. Er hatte zum Prozessauftakt Versäumnisse der Ermittler beklagt, auch das nach seiner Ansicht mysteriöse Verschwinden des Tatfahrzeugs, eines Suzuki-Motorrads.

Seit einer Woche ist das Zweirad überraschend wieder aufgetaucht. Und Buback junior muss am Donnerstag vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart-Stammheim einräumen, bereits seit mindestens einem Jahr Hinweise auf den Besitzer des Fahrzeugs gehabt zu haben, als ihn Bundesanwalt Walter Hemberger damit konfrontierte. Buback rechtfertigt sich, er habe „eine Mail unter Tausenden bekommen“, in der ihm die Suzuki angeboten worden sei. Er habe das für eine Kuriosität gehalten, die er nicht beachten müsse. „Ich erwerbe keine Asservate.“ Er habe doch wohl auch keine „Berichtspflicht“, wenn ihm der ebenfalls verschwundene Mercedes angeboten würde, in dem sein Vater Siegfried starb.

Für Bundesanwalt Hemberger liegt der Skandal nicht bei der Bundesanwaltschaft, die aus Sicht des Nebenklägers das Motorrad damals nach der Spurenauswertung hätte behalten müssen, sondern bei Buback: „Es ist mir vollkommen unverständlich, dass Sie mir den Hinweis nicht weitergegeben haben. Wenn Ihnen an Aufklärung gelegen wäre, hätten Sie uns das mitgeteilt“, geht er Buback direkt an. „Das ist nicht meine Aufgabe“, entgegnet der Beschuldigte. Hemberger habe seine Hinweise stets abgetan und später den Kontakt zu ihm ganz abgebrochen. Da läuft der sonst gelassen wirkende Bundesanwalt rot an. „Das schlägt dem Fass den Boden aus. Ich habe den Kontakt nie abgebrochen. Das lasse ich nicht auf mir sitzen.“

Als „Randerscheinung“ möchte der Vorsitzende Richter den Konflikt bewertet wissen, doch machen die Beteiligten einen anderen Eindruck. Immerhin will Buback in dem Prozess nachweisen, Becker habe bei dem RAF-Attentat im April 1977 die Todesschüsse vom hinteren Sitz der Suzuki auf seinen Vater und dessen zwei Begleiter abgegeben. Immer wieder kritisierte er die Ermittler, auch dafür, Becker zwar als Mittäterin angeklagt zu haben, aber nicht als Schützin, obwohl viele Augenzeugen nach seiner Darstellung eine Frau gesehen haben wollten. Ein Vorwurf, den Beckers Berliner Verteidiger Walter Venedey nicht akzeptieren kann. Deshalb rügt auch er Bubacks „widersprüchliches Verhalten“. Seine Erklärungen dazu seien „weit davon entfernt, überzeugend zu sein“.

Drei Zeugen treten am Donnerstag auf. Ob eine Frau auf dem Sozius gesessen hat oder nicht, können sie nicht sagen. Alle drei haben dasselbe Problem: Die Tat ist über 30 Jahre her. Hubertus B., heute 56 Jahre alt, ging damals die Straße entlang, gut 100 Meter vom Tatort entfernt. Er hörte ein Knallen, dachte, die Motorradfahrer hätten sich einen Scherz erlaubt und Reifen mit Nägeln zum Platzen gebracht. Deshalb wollte er sich das Kennzeichen merken, als die beiden bei ihrer Flucht in vier bis fünf Meter Entfernung an ihm vorüberschossen, auf mehr habe er sich kaum konzentriert. „Wenn ich gewusst hätte, was die wirklich getan hätten, hätte ich meine Aktentasche auf sie werfen und stoppen können. Ich bin ein guter Handballer“, sagt er jetzt.

Lothar F., heute 67, arbeitete damals in einem Gebäude unmittelbar am Tatort. Er hörte die Schüsse, ging ans Fenster. Unten sah er die Motorradfahrer flüchten, schon nach wenigen Minuten kam die Polizei. Aber er kann sich an wenig erinnern, auch nicht an seine Aussagen damals. Um den Zeugen aufzuhelfen, lassen die Richter Bilder an eine Wand werfen. Den Tatort, Bubacks zerschossenen Mercedes, der nach dem Attentat führerlos an den Bordsteinrand gerollt war, den grünen Opel des Zeugen Hamdija H., dem eine Kugel in den Vorderreifen drang. Der Montenegriner, heute 62 Jahre alt, gab damals, obwohl noch nicht lange im Land, ohne Dolmetscher eine erstaunlich detailreiche Aussage bei der Polizei ab. Heute braucht er einen Dolmetscher und sagt: „Ich weiß nicht, was ich damals unterschrieben habe.“

Dass es „möglicherweise eine Frau“ war, die geschossen hat, heißt es in einer Pressemitteilung des baden-württembergischen Innenministeriums kurz nach der Tat, die Michael Buback am Donnerstag zu den Akten reicht. Das soll auch auf eine Aussage von Hamdija H. zurückgehen – der sich vor Gericht daran aber nicht erinnert.

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