RAF : Wer ist Verena Becker?

Erst war sie nur die "schwarze Braut". Dann wurde sie radikal. In der RAF spielte sie eine gewichtige Rolle. Möglicherweise auch beim Buback-Mord. Wer ist Verena Becker?

Frank Bachner
Verena Becker
Verena Becker. -Foto: dpa

WIE KAM SIE ZUR RAF?

Ursprünglich rebellierte nur die Feministin Verena Becker. Sie zog mit einer Freundin nachts durch Berlin, um die Scheiben von Sexläden einzuschlagen. Als Erkennungszeichen hinterließ sie Aufkleber mit der Aufschrift „Die schwarze Braut kommt“. Verena Becker wurde 1952 in Berlin geboren, als eines von zehn Kindern eines Bergbautechnikers, der 1961 starb. Sie besuchte die Gottfried-Kinkel-Oberschule (Realschule) in Berlin- Spandau und verdiente ihr Geld danach in einer Fleischwarenfabrik, als Telefonistin oder als Gelegenheitsarbeiterin. Im Herbst 1971 schloss sich die 19-Jährige mit ihrer Freundin Inge Viett der „Schwarzen Hilfe“ an, eine Gruppe, die sogenannte politische Gefangene unterstützte. Im Dezember 1971 war Becker polizeilich nicht mehr gemeldet. In der „Schwarzen Hilfe“ lernte sie Leute wie „Bommi“ Baumann kennen, die dabei waren, die anarchistische „Bewegung 2. Juni“ aufzubauen. Becker und Viett schlossen sich an. Benannt hatte sich die Gruppe nach dem Todestag des Studenten Benno Ohnesorg, der 1967 nach Krawallen wegen des Schah-Besuchs von dem Polizisten und Stasi-Spitzel Karl-Heinz Kurras erschossen worden war.

Die Mitglieder des „2. Juni“ lebten allerdings zunächst in einem Spannungsverhältnis zu den RAF-Angehörigen. Der „2. Juni“ betrachtete Berlin als einziges Operationsgebiet und dachte weniger dogmatisch als die RAF. Die warf den Waffenbrüdern mangelnde revolutionäre Gesinnung vor. Allerdings kostete ein Bombenanschlag des „2. Juni“ ein Menschenleben. Der Sprengsatz sollte nachts im Britischen Jachtclub Berlin-Gatow hochgehen. Er explodierte aber erst, nachdem ein Bootsbauer die Bombe in einer Tasche entdeckt hatte und möglicherweise an ihr herumhantierte. Wegen dieses Anschlags erhielt Becker eine Jugendstrafe von sechs Jahren. 1975 wurde sie von einem Kommando des „2. Juni“ mit vier weiteren Gesinnungsgenossen freigepresst. Die Terroristen hatten den Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz entführt. Die freigepressten Gruppenmitglieder flogen in den Südjemen und erhielten in einem palästinensischen Lager eine militärische Ausbildung. In dieser Zeit ist Becker zur RAF gewechselt.

WIE LINIENTREU WAR SIE?

Sehr. Allein schon die Tatsache, dass sie nach ihrer Freipressung zur RAF überwechselte, zeigt ihre Gewaltbereitschaft. Die RAF hatte keinerlei Skrupel, Menschen zu ermorden. Wie skrupellos auch Becker war, zeigt ihre Festnahme in Singen, vier Wochen nach dem Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Die Polizei war von einer Rentnerin auf Becker und das RAF-Mitglied Günter Sonnenberg aufmerksam gemacht worden. Das Pärchen frühstückte in einem Café und wurde von zwei Streifenbeamten eher arglos um die Pässe gebeten. Damals gingen ständig Hinweise auf RAF- Mitglieder bei der Polizei in Singen ein. Obwohl in ihren Umhängetaschen gut gefälschte Ausweise waren, lockten Becker und Sonnenberg die Beamten zu einem Auto. Angeblich lagen dort die Papiere. Am Fahrzeug schossen sie unvermittelt; die Beamten blieben schwer verletzt liegen. Becker und Sonnenberg zerrten einen Autofahrer aus seinem Fahrzeug und flüchteten. Im Auto versuchte Becker, mit einem Sturmgewehr auf die verfolgende Polizei zu schießen. Es war das Gewehr, mit dem Buback und seine Begleiter erschossen worden waren. Da es ihr aber nicht gelang, das Gewehr durchzuladen, warf sie es auf den Rücksitz. Auf einer Wiese dann schossen sie und Sonnenberg wild um sich. Ein Polizist traf Becker im linken Unterschenkel, Sonnenberg wurde hinter dem rechten Ohr getroffen. In Beckers Gepäck waren Revolver, Pistolen und Reservemagazine. Becker gehörte auch zu jenen RAF-Mitgliedern, die durch die Entführung von Hanns Martin Schleyer, den Präsidenten des Arbeitgeberverbands, freigepresst werden sollten.

WAS SPRICHT DAFÜR, DASS SIE AM

BUBACK-MORD BETEILIGT WAR?

Sehr viel inzwischen. Der Umstand, dass ihre DNA an dem Bekennerschreiben gefunden wurde, rundet ein Gesamtbild ab. Sie war wegen eines Sprengstoffanschlags inhaftiert, sie wechselte zur RAF, erhielt eine militärische Ausbildung und war in Begleitung von Sonnenberg. Der hatte in Düsseldorf die Suzuki angemietet, auf deren Rücksitz der Todesschütze saß. Außerdem hatte sie die Tatwaffe in Händen. Allerdings konnte nie festgestellt werden, ob Becker oder Sonnenberg das Sturmgewehr im Gepäck hatte. Dann gibt es noch die Aussagen von zwei Zeugen, die eine „zierliche Person, wohl eine Frau“ auf dem Rücksitz gesehen haben wollen. Der Wahrheitsgehalt dieser Aussagen ist aber zweifelhaft.

WARUM WURDE BECKER NIE WEGEN DES

BUBACK-MORDS ANGEKLAGT?

Eine bedeutsame, wenig beachtete Rolle spielte ein ziemlich banaler Grund. Verena Becker saß ja bereits lebenslang in Haft. Die Höchststrafe hatte sie für die Schießerei in Singen wegen sechsfachen versuchten Mordes erhalten. Und zu diesem Zeitpunkt galt „lebenslänglich“ im Wortsinne. Gegen Becker wurde zwar bis 1980 ermittelt, allerdings mit weniger Energie, als möglich gewesen wäre. Bundesanwalt Joachim Lampe hatte Becker wegen Singen angeklagt, allerdings nicht wegen des Buback-Attentats. Zu den Gründen hatte er in der „Welt“ einen seltsamen Satz formuliert. „Ich habe keine Zeugenaussage und keine Indiztatsache gesehen, die Becker an den Tatort des Mordes bringt.“ Das wäre gar nicht notwendig gewesen. Becker hätte auch aufgrund einer Mittäterschaft zur Höchststrafe verurteilt werden können. Brigitte Mohnhaupt, Kopf der zweiten RAF-Generation, war nie am Tatort, sie wurde trotzdem als Rädelsführerin wegen des Buback-Attentats zu lebenslanger Haft verurteilt.

WELCHE ROLLE SPIELT DER VERFAS-

SUNGSSCHUTZ IM FALL BECKER?

Ganz genau lässt sich das nicht sagen, die entscheidenden Akten hält Bundesinnenminister Schäuble noch unter Verschluss. Nach dem, was bisher durchgesickert ist, soll es in den Unterlagen keine entscheidenden neuen Hinweise geben. Klar ist nur, dass sich Becker 1981 bereiterklärt hatte, mit dem Verfassungsschutz zu reden. Und dabei erzählte sie, dass Stefan Wisniewski auf Buback geschossen habe. Wisniewksi wurde 1981 wegen des Mordes an Schleyer und seiner Begleiter zu zweimal lebenslang verurteilt. Im Zusammenhang mit dem Buback- Mord wurde sein Name nie genannt. Gegen ihn wurde deswegen auch viele Jahre lang nicht ermittelt. Erst über Boock kam Wisniewski ins Gespräch. 2007 hatte der frühere RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock am Telefon Michael Buback mitgeteilt, Wisniewski sei seiner Meinung nach der Todesschütze gewesen. Michael Buback ist der Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts. Er und Boock machten den Namen Wisniewski öffentlich. Erst jetzt leitete die Bundesanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen Wisniewski ein. Dessen Strafe war 1999 zur Bewährung ausgesetzt worden. Die Ermittlungen laufen noch.

Hatte der Verfassungsschutz also geschwiegen, um seine Quelle Becker zu schützen? In einer ARD-Dokumentation erzählt der frühere Verfassungsschutzbeamte Winfried Ridder, dass Becker „absolute Vertraulichkeit“ zugesichert worden sei. Selbst wenn Becker also zugegeben hätte, dass sie die Mörderin von Buback und seinen Begleitern gewesen sei, hätte dieses Wissen vor Gericht nie verwendet werden können. Juristisch allerdings hat so ein Deal Grenzen: Wenn auf andere Weise ermittelt wird, dass Becker in den Mord verwickelt sein könnte, muss die Staatsanwaltschaft diesem Verdacht nachgehen. Dass nun Haftbefehl gegen Becker erlassen wurde, ist ein deutlicher Hinweis auf ihre mögliche Tatbeteiligung. Zuletzt arbeitete die 57-Jährige in Berlin als Heilpraktikerin.

Warum die frühere Hardlinerin überhaupt aussagte, ist nicht ganz klar. Vermutlich haben Haft und miserable Lebensperspektive sie einfach zermürbt. Denn eine vorzeitige Entlassung zur Bewährung lag damals nicht nahe. „Lebenslänglich“ bedeutete zu dieser Zeit noch grundsätzlich lebenslang. Doch Becker wurde nach zwölf Jahren begnadigt – damit dürfte klar sein, wie sie für ihre Aussagen belohnt wurde. Dass zudem Geld an sie geflossen war, ist naheliegend.

Verena Becker hat die Justizvollzugsanstalt Wittlich am 30. November 1989 verlassen, ganz unauffällig, niemand sollte davon erfahren. Doch just an diesem Tag beherrschte das Thema RAF alle Nachrichten. Am Vormittag hatte ein RAF- Kommando Alfred Herrhausen, den Chef der Deutschen Bank, ermordet.

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