Rainer Barzel : Der Fast-Bundeskanzler ist tot

In den letzten Jahren seines Lebens geriet der jetzt im Alter von 82 Jahren verstorbene frühere CDU-Chef Rainer Barzel fast in Vergessenheit. Dabei hätte er als einer der Macher der ersten großen Koalition seiner Partei wohl durchaus gerne Tipps gegeben.

München - Was hätte Rainer Barzel als Bundeskanzler besser als Willy Brandt gemacht? Zu seinem 75. Geburtstag mit dieser Frage konfrontiert, sagte der CDU-Politiker nur: "Es wäre in Europa besser gegangen. Die europäische Idee wäre bei mir in guten Händen gewesen." Doch statt 1972 den SPD-Konkurrenten Brandt zu stürzen und fünfter Kanzler der Bundesrepublik zu werden erlitt Barzel einen dramatischen Karriereeinbruch. Schuld waren die Stasi und bestechliche Fraktionskollegen.

Erst nach der Wende sickerten genauere Informationen zu dem gescheiterten Misstrauensvotum vom 27. April 1972 durch. Mit 247 gegen 249 Stimmen verlor Barzel damals die von ihm angezettelte Kampfabstimmung gegen Brandt. Dabei verhalfen ausgerechnet zwei Mann aus der Union dem SPD-Kanzler zur Mehrheit. Mittlerweile ist bekannt, dass sich für 50.000 Mark der CDU-Abgeordnete Julius Steiner von der Stasi schmieren ließ. Für die gleiche Summe soll der CSU-Mann Leo Wagner seine Stimme zugunsten von Brandt verkauft haben. Dies ergaben erst kürzlich veröffentlichte Auswertungen von Stasi-Informationen aus den so genannten Rosenholz-Akten, die damit alte Gerüchte bestätigten. Juristisch belangt wurden beide nie.

Kritik am "Putsch"

Das besondere Interesse der Stasi an einem Weiterregieren Brandts lag in den Ostverträgen, mit denen die Bundesrepublik erstmals die von Stalin herbeigeführte Abtrennung von deutschen Ostgebieten anerkannte. Im Fall eines Wechsels zu Barzel wäre die Ratifizierung der Ostverträge nicht gesichert gewesen. Doch obwohl es bei dem Misstrauensvotum nicht mit rechten Dingen zuging, entsprach das Ergebnis dem Wunsch der meisten Bürger: In Umfragen kritisierte eine Mehrheit das Vorgehen Barzels als "Putsch". Bei den noch im November 1972 abgehaltenen vorgezogenen Bundestagswahlen bescherte der SPD-Kanzler seiner Partei daraufhin den größten Erfolg ihrer Geschichte, während Barzel als Kanzlerkandidat eine bittere Niederlage kassierte.

Für den politischen Senkrechtstarter waren die Niederlagen von 1972 die ersten wirklichen Rückschläge in seinem Leben. Der am 20. Juni 1924 geborene Sohn eines Oberstudienrats aus dem ostpreußischen Braunsberg und promovierte Jurist zog 1957 als Youngster in den Bundestag. Ab Dezember 1962 war er als "Benjamin" im fünften Kabinett Adenauer Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Nach dem Tod Heinrich von Brentanos 1963 wurde Barzel dann Fraktionschef und zog ab 1966 in der ersten großen Koalition die Fäden. Als SPD und FDP 1969 eine Regierungskoalition eingingen, organisierte er eine schlagkräftige Oppositionstruppe. Obwohl seine Ambitionen auf den Platz des Parteichefs und Kanzlerkandidaten intern auf einigen Widerstand stießen, setzte sich Barzel im Oktober 1971 gegen Helmut Kohl als neuer CDU-Vorsitzender durch.

Keine politische Rehabilitation

Nach den Ereignissen von 1972 geriet Barzel jedoch ins Abseits. Anfang Mai 1973 trat er als Fraktionschef zurück. Und kurz darauf verzichtete er zugunsten Kohls auch auf eine neue Kandidatur für den Parteivorsitz. Kohl machte Barzel zwar 1982 erneut zum Minister für Innerdeutsche Beziehungen, gab ihm aber ansonsten wenig Mitsprachemöglichkeiten. Nach der vorgezogenen Bundestagswahl vom 6. März 1983 wurde Barzel dann Bundestagspräsident. Aber schon im Oktober 1984 geriet er in den Sog der Flick-Parteispendenaffäre und trat zurück. Später konnte er zwar beweisen, dass an den Vorwürfen gegen ihn nichts dran war. Politisch rehabilitiert wurde Barzel aber nicht mehr. 1987 verzichtete er nach 30 Jahren im Bundestag auf eine erneute Kandidatur.

Barzels privater Weg war von Schicksalsschlägen begleitet. Seine erste Frau Kriemhild starb 1980 an Krebs. Seine 1949 geborene einzige Tochter Claudia nahm sich 1977 das Leben. Und Helga Henselder, die Barzel 1982 heiratete, wurde Ende 1995 bei einem Autounfall getötet. 1997 heiratete Barzel die 23 Jahre jüngere Regisseurin und Schauspielerin Ute Cremer, mit der er bis zuletzt in München lebte. (Von Ralf Isermann, AFP)

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