Politik : Rakete Marke Eigenbau

Im Konflikt am Gazastreifen wird mit einfachsten, aber auch mit modernsten Waffen gekämpft

Berlin - Sie ist eine Rakete Marke Eigenbau, mit einer etwa zwei Meter langen Hülse aus Metall und einem kleinen Sprengkopf, gefüllt mit bis zu fünf Kilogramm Sprengstoff. Kassam heißt sie, eine Person kann sie auf den Schultern tragen. Wie viele davon von der palästinensischen Hamas in den vergangenen Jahren gebaut wurden, weiß niemand. Unterschiedlichen Quellen zufolge schlugen zwischen 2001 und Mai 2007 über 4500 solcher Raketen auf israelischem Gebiet ein. Nach einem Artikel der „Jerusalem Post“ vom Juni dieses Jahres wurden seit 2001 insgesamt 22 israelische Zivilisten durch Kassams getötet. Auch im aktuellen Konflikt werden die ungelenkten Raketen mit einer Reichweite von bis zu zehn Kilometern genutzt.

Nach Angaben aus israelischen Militärkreisen haben militante Palästinenser nun auch sogenannte Grad-Raketen aus Ägypten in den Gazastreifen geschmuggelt. Die haben mit bis zu 30 Kilometern eine weitaus größere Reichweite als die Kassams. Das Raketenwerfersystem BM-21 Grad wurde in den 60er Jahren in der Sowjetunion entwickelt. Grad ist das russische Wort für Hagel. Eine Grad-Rakete schlug am Montagabend nach israelischen Armeeangaben an einer Bushaltestelle in der Hafenstadt Aschdod mit 190 000 Einwohnern ein. Nach israelischen Medienberichten kam in Aschdod eine Frau ums Leben. Damit haben militante Palästinenser erstmals mitten in die rund 30 Kilometer nördlich vom Gazastreifen gelegene Hafenstadt geschossen.

Auch eine Grad-Rakete fliegt ungelenkt – es sei denn, sie wurde mit spezieller Technik in eine Lenkwaffe umgewandelt. Die Hamas jedoch, so vermutet Otfried Nassauer, Friedensforscher und Direktor des Berliner Instituts für Transatlantische Sicherheit (Bits), verwende sicher klassische ungelenkte Raketen ohne Besonderheiten. Grad-Raketen, verschossen aus Mehrfachraketenwerfern, erklärt Nassauer, sollten in Kriegen vor allem gegen Flächenziele, etwa gegnerische Stellungen, eingesetzt werden. „Auch eine Kassam bringt kein mehrstöckiges Gebäude zum Einsturz“, sagt Nassauer. Ernsthafte Kriegsführung betreibe man damit nicht, die Wirkung sei eher psychologischer Natur.

Die Waffen der Hamas seien mit denen der israelischen Armee nicht zu vergleichen, sagt Nassauer. „Dazwischen liegen zwei oder drei Generationen technischer Unterschied.“ So nutze die israelische Armee viele moderne amerikanische und selbst entwickelte Waffensysteme, die im Vergleich zu denen der Hamas zielgenauer und zerstörerischer sind. tja/dpa

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