Politik : Rangeleien und Richtfest in Gorleben

Reimar Paul

Gorleben - „Sitzkissen, Strahlenschutzanzüge! Leute, nehmt Sitzkissen und Strahlenschutzanzüge mit, die Belagerung kann länger dauern!“ Am Gorlebener Erkundungsbergwerk verteilen zwei Frauen kleine Strohsäcke und weiße Anzüge aus reißfestem Papier. Atomkraftgegner haben für Samstag zur symbolischen „Umzingelung“ des Bergwerks aufgerufen. Es ist eine von vielen Aktionen, mit denen Umweltschützer an diesem Wochenende gegen die Endlagerpläne von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) protestieren und die Räumung der „Republik Freies Wendland“ vor 30 Jahren erinnern.

Durch den Gorlebener Wald weht Geschichte. An ein paar Kiefern hat jemand Holztafeln mit Fotos vom früheren Hüttendorf genagelt. Büchertische bieten Reprints von damals erschienenen Broschüren, Fahnen und Kapuzenpullis mit der stilisierten Sonne der „Republik Freies Wendland“ an. Wie früher haben Frauen aus den umliegenden Dörfern Kuchenbleche und Eintöpfe herangeschleppt.

„Mensch, du auch hier?!“ Umarmungen und Schulterklopfen. Mehr als 1000 Demonstranten zählen die Veranstalter, 400 bis 500 sind es nach Angaben der Polizei. Einige haben sich trotz der Wärme in die engen weißen Anzüge gezwängt. Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg nennt die Atomkraft „eine Dinosauriertechnologie, die wir schon vor 30 Jahren überwunden glaubten“. Schon in der „Republik Freies Wendland“ habe es Sonnenkollektoren und Windräder gegeben. Auch sonnenbeheizte Duschen wurden damals errichtet.

Beim Spaziergang um das umfriedete Bergwerk kommt es zu Zwischenfällen. Einige Demonstranten rütteln am Zaun und wollen Transparente daran befestigen. Polizisten gehen gegen sie vor. „Mit körperlicher Gewalt“, sagt Polizeisprecher Thilo Koch. „Das war ein völlig überzogener Schlagstockeinsatz“, schimpfen Umweltschützer. Auch Pfefferspray sei eingesetzt worden. Die BI berichtete von zwölf Verletzten. Drei Demonstranten werden festgenommen, sind abends aber wieder auf freiem Fuß.

Viel entspannter ist es am Vorabend zugegangen. Viele Ex-Bewohner der „Republik Freies Wendland“ haben sich in der alten Protestkneipe „Gasthaus Wiese“ bei Bier und Bockwurst zum Klönschnack über die alten Zeiten versammelt. Wolf Römmig war der Rechtsanwalt der „Republik Freies Wendland“. Als er nun aus einer Erklärung des damaligen niedersächsischen Innenministers Egbert Möcklinghoff (CDU) vorliest, wonach die Proklamierung der „Republik Freies Wendland“ „Hochverrat gegen die Bundesrepublik Deutschland“ war, der mit Haftstrafen von zehn Jahren bis lebenslänglich zu ahnden sei, bricht Gelächter im Saal los.

Im Gorlebener Wald legen Zimmerleute und Handwerker unterdessen letzte Hand an ein neues Freundschaftshaus. 30 Jahre nach der Räumung der „Republik Freies Wendland“ steht in Sichtweite zu den Atomanlagen wieder eine Hütte. Das Richtfest wird zünftig gefeiert und dauert bis in die Nacht. Reimar Paul

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