Rassendiskriminierung : Spannungen im Multi-Kulti-Land Malaysia

Die Auseinandersetzungen zwischen ethnischen und religiösen Gruppen wachsen. Die Regierung schlägt Proteste gewaltsam nieder.

Moritz Kleine-Brockhoff
Malaysia Foto: AFP
In Malaysia ist es nicht so ruhig wie gewohnt. -Foto: AFP

JakartaDemonstrationen, Wasserwerfer, Tränengas, Prügel, Verhaftungen: Im sonst so ruhigen Malaysia brodelt es. „Ich bin wütend. In 50 Jahren seit der Unabhängigkeit hatten wir nie Probleme mit den Indern. Sie haben kooperiert“, schimpfte Premier Abdullah Badawi nach einer Schlacht zwischen Polizisten und ethnischen Indern. Badawi regiert ein Multi-Kulti-Land, in dem die 60-Prozent-Mehrheit der Malaien politisch allmächtig ist.

Nachfahren indischer und chinesischer Einwanderer stehen, auch in Badawis Kabinett, meist in der zweiten Reihe. Malaiische Bürger genießen Privilegien, sie bekommen leichter Studien- und Arbeitsplätze, Positionen in Staatsbetrieben, günstigere Kredite sowie Steuer- und viele andere Vorteile. Inder und Chinesen finden das ungerecht.

Außer der ungleichen Behandlung trennen Religionen die Volksgruppen. Malaien sind gläubige Moslems, Inder gläubige Hindus, Chinesen sind nicht besonders religiös. „In Malaysia gibt es kein Problem mit der islamischen und der hinduistischen Religion. Es gibt keine religiösen Auseinandersetzungen“, spielt Premier Badawi die Lage im Land herunter. „Alle drei Wochen wird ein hinduistischer Tempel zerstört“, meint dagegen der Anwalt P. Uthayakumar von Hindraf, einer Gruppe, die sich für Rechte von Hindus einsetzt.

Laut Hindraf leben 70 Prozent der Inder in Malaysia in Armut. 20 000 von ihnen protestierten Ende November in Kuala Lumpur. Die Polizei löste die Demonstration auf. Nun sitzen Uthayakumar und vier Mitorganisatoren im Knast.

„Sie haben Rassenhass angezettelt“, meint Polizei-Generalinspektor Musa Hassan. „Die Haft ist ein Versuch, eine Minderheit zum Schweigen zu bringen“, kritisiert Elaine Pearson von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Malaysias Regierung macht keine Integrationspolitik, sondern fördert ein „ Leben und Lebenlassen“ in Parallelwelten. Achtung von Kultur, Sprache und Religion des anderen ist Gesetz, der Staat predigt Respekt vor Eigenheiten.

Nur sind Malaien laut Umfrage generell faul, Chinesen gierig und Inder hinterhältig. Kurz: Man mag sich nicht. Doch man lässt sich mit Blick auf das Gemeinwohl fast immer in Ruhe. In den 60er Jahren hatten Rassenunruhen mit 200 Toten und brennenden Stadtteilen das junge Malaysia ins Wackeln gebracht, niemand will so etwas wieder erleben. Seitdem gab es nur einmal, 2001, Straßenschlachten mit Toten. Religiöse und ethnische Linien sind eher zufällige Sollbruchstellen einer Gesellschaft, in der allein Ungleichheit für Unmut sorgt.

Als erfolgreiche Chinesen und Inder die Malaien wirtschaftlich immer mehr abhängten, erließ die Regierung 1971 Gegenmaßnahmen. Die Malaien, „Bumiputra“, „Söhne der Erde“, sollten durch radikale Förderung Anschluss finden. Zum Beispiel müssen seitdem Unternehmen zu mindestens einem Drittel in malaiischer Hand sein. Knapp zwei Generationen später sind Malaien kaum ehrgeiziger, sondern durch Staatshilfen verwöhnt. Chinesen sind trotz Diskriminierung immer noch relativ reich, viele Inder wurden ärmer.

Die jüngste Demonstration von Indern richtete sich nicht gegen andere Volksgruppen. Sondern gegen die Regierung und gegen die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien, die Inder als Plantagenarbeiter nach Malaysia gebracht und dort später alleine gelassen hatte. Die Aktion der Inder ist Teil eines breiteren Protestes. In Malaysia sind Kundgebungen nur theoretisch legal möglich, in der Praxis gibt es nie eine Genehmigung. Wer trotzdem loszieht, riskiert Haft. Zwei Jahre ohne Anklage sind gesetzlich gedeckt. So bleibt es meist ruhig auf der Straße.

Als kleine Sensation galt, dass im September plötzlich 1000 Anwälte gegen Korruption und Vetternwirtschaft in der Justiz demonstrierten. Ein paar Wochen später forderten trotzt Verbot und Regen 30 000 Menschen saubere Wahlen. Es folgte die Kundgebung der Inder. Weil diese mit Tränengas aufgelöst wurde, forderten Hunderte von Demokratie-Aktivisten am 11. und 19. Dezember Versammlungsfreiheit. Insgesamt wurden mehr als 160 Menschen festgenommen, mit fünf Ausnahmen sind sie mittlerweile gegen Kaution frei. „Es geht um Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit“, meint der Polit-Beobachter James Wong, „um Versammlungsrecht, faire Wahlen, saubere Justiz, um ein Parlament mit Autorität und eine Politik, die Minderheiten nicht diskriminiert.“

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