Rassismus in den USA : Ein Schwarzer unter dem weißen Baum

Die US-Kleinstadt Jena wird zum Symbol für den amerikanischen Rassismus. Der Fall beweist: Die Gleichbehandlung von Schwarzen und Weißen ist noch nicht überall fest verwurzelt.

Gabriele Chwallek
Jena
Kampf gegen Rassismus -Foto: AFP

WashingtonAn der High School in Jena (US-Bundesstaat Louisiana) nannte man ihn den "weißen Baum" - aber nicht wegen der Färbung seiner Rinde. Es waren weiße Schüler, die sich in der Regel im Schatten der alten Eiche versammelten, den Baum sozusagen zu ihrem Territorium machten. Bis zu jenem Tag im Spätsommer 2006, als ein Schwarzer sich unter das Blätterdach setzte. Diese Handlung brachte eine Kette von Ereignissen in Gang, die Jena, ein kleines unbekanntes 3000-Seelen-Städtchen, über die USA hinaus in die Schlagzeilen brachte.

Zwischen 10.000 und 20.000 Menschen strömten am Donnerstag in den Ort, um gegen Rassismus zu demonstrieren - eine Erinnerung an die Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre. Die Botschaft der Protestierenden: Jena gibt es nicht nur in Louisiana, auch nach einem halben Jahrhundert ist die Gleichbehandlung von Schwarzen und Weißen noch längst nicht überall fest verwurzelte Selbstverständlichkeit.

Mordanklage nach Prügelei

Der Afroamerikaner, der sich unter den Baum setzte, ahnte nicht, was seine Aktion nach sich ziehen würde. Am nächsten Morgen schon baumelten drei Stricke mit Schlingen von den Ästen - in den Südstaaten ein Symbol des Rassenhasses. Gab es schon zuvor an der High School immer wieder Spannungen zwischen weißen und schwarzen Schülern, verschärften sich danach die Konflikte und eskalierten dann im Dezember vergangenen Jahres. Sechs schwarze Teenager schlugen und traten einen weißen Mitschüler auf dem Gelände der High School bewusstlos. Die jungen Afroamerikaner wurden angeklagt, wegen versuchten Mordes - auch in den Augen vieler Weißer ein ungewöhnlich harsches juristisches Vorgehen.

Die Proteste begannen, organisiert von örtlichen Bürgerrechtsgruppen, die in den Anklagen einen Rückfall in die finstersten Zeiten rassistisch geprägter Justiz im tiefen US-Süden sahen. Aus dem lokalen Widerstand wurde eine nationale Kampagne, über Webseiten, E-Mails, SMS, Wurfsendungen und das Internet-Videoportal YouTube wurde als Unterstützung für die jungen Schwarzen mobilisiert, bekannt nun als die "Jena 6". Wurden die Anklagen im Zuge des Protestes auch deutlich abgeschwächt, hob ein Berufungsgericht den bisher einzigen Schuldspruch für einen Beteiligten wegen schwerer Körperverletzung auch auf - es stoppte die Protestbewegung nicht. Mit Plakaten "Befreit die Jena 6" und Gesängen aus der Zeit der Bürgerrechtskämpfe zogen und rollten die Demonstranten am Donnerstag in die kleine Stadt.

Wachgerüttelte Generation

Es waren vorwiegend Studenten von traditionell schwarzen Universitäten, die die Straßen füllten - Angehörige einer Generation, die von Veteranen der Bürgerrechtsbewegung oft als zu apathisch und selbstzufrieden kritisiert worden sind. Der Fall der "Jena 6" habe sie aufgerüttelt, zitierte die "New York Times" Experten, die auch einen Hauch von Kampf-Nostalgie bei der Demonstration verspürten. "Dies ist das erste Mal, dass so etwas in meiner Generation vorkommt", sagte ein 24-jähriger Student aus Lafayette in Louisiana dem Blatt. "Man hat das immer in Geschichtsbüchern gelesen oder von Verwandten gehört. Dies ist eine Gelegenheit, das selbst zu erleben" - und das sogar gemeinsam mit den Bürgerrechtsveteranen Jesse Jackson und Al Sharpton, die sich sichtbar über die mobilisierten Massen freuten.

"Es gibt ein Jena in jeder Stadt, in jedem Staat", feuerte Jackson die Demonstranten an. Und vielleicht gibt es auch ein Jena in ihm, nur umgekehrt - so lasteten es ihm jedenfalls Kritiker nach einer Bemerkung an, die er kürzlich über den schwarzen demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama gemacht hatte. Dieser, so warf ihm Jackson vor, habe sich nicht genügend für die "Jena 6" stark gemacht - und damit "wie ein Weißer" gehandelt. (mit dpa)

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