Politik : Rassistische Gewalt in Frankreich stark gestiegen

Sabine Heimgärtner[Paris]

Die Zahl rassistischer Übergriffe in Frankreich ist im vergangenen Jahr dramatisch gestiegen. Dies geht aus dem Rassismus- Bericht der unabhängigen Expertenkommission für Menschenrechte (CNCDH) hervor, der am Montag der Regierung in Paris vorgelegt wurde. Danach hat sich die Zahl ausländerfeindlicher Aggressionen und Anschläge 2004 fast verdoppelt. Registriert wurden 1565 rassistische Taten im Vergleich zu 833 im Jahr 2003, ein „außerordentliches und beunruhigendes“ Rekordniveau, wie es im Bericht heißt – das höchste seit 1994.

Der CNCDH-Bericht beginnt mit einer besonders widerwärtigen Tat: Am 5. Januar 2004 überfielen zwei Unbekannte eine Lehrerin des Israeliten-Kollegs im Pariser Vorort Boulogne-Billancourt, warfen sie zu Boden, traktierten sie mit Füßen und antisemitischen Parolen und brannten ihr einzelne Haarbüschel aus, bevor sie flüchteten.

Sophie Ernst, die sich im Nationalen Institut für pädagogische Recherchen seit Jahren mit Ausländerfeindlichkeit beschäftigt, warnt jedoch: „Aus dem Bericht darf man nicht den voreiligen Schluss ziehen, dass ganz Frankreich antisemitisch ist.“ Denn fest steht auch: Die große Mehrheit der Franzosen empfindet das Zusammenleben mit nicht-europäischen Ausländern als „bereichernd“, 67 Prozent gaben in einer Umfrage an, sie wünschten sich „stärkere Regierungsmaßnahmen gegen jegliche Art von Rassismus“.

So empfiehlt es sich, in dem Bericht zwischen den Zeilen zu lesen. Etwa die Hälfte der Täter, stellt der Bericht fest, stamme aus dem arabisch-muslimischen Umfeld und richtete ihre Attacken gegen jüdische Mitbewohner. Mit 970 Vorfällen wurden 2004 deutlich mehr antisemitische Straftaten registriert als 2003, darunter vor allem Schändungen von Gräbern und Anschläge auf jüdische Schulen. Dabei seien 36 Menschen verletzt worden. Gleichzeitig heißt es aber auch, die Rechtsradikalen seien immer mehr auf dem Vormarsch. Drohungen gegen Muslime, die in Frankreich wenig integriert vor allem in tristen Großstadtvororten leben, gingen danach zu 59 Prozent von Skinheads und Neonazis aus. Zum drastischen Anstieg dieses Täterprofils heißt es: „Die These der Überlegenheit der weißen oder westlichen Rasse lebt derzeit wieder auf, vor allem wegen der erbitterten Diskussionen über eine Verschärfung der Einwanderungspolitik, einen möglichen Beitritt der Türkei in die EU und die zunehmende Zahl islamistischer Attentate.“

Für die Politiker wird die Auswertung der Studie nicht leicht, denn selbst für ihre Autoren ist der Anstieg rassistischer Taten nur schwer erklärbar, zumal er im Unterschied zu den vorangegangenen Jahren nicht unmittelbar mit internationalen Ereignissen wie Terroranschlägen, dem Irakkrieg oder dem israelisch-palästinensischen Konflikt in Zusammenhang stehe, heißt es in dem Bericht.

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