Politik : Rasterfahndung in den Marktlücken der Politik

BERND MATTHIES

Der Mann ist mit sich im reinen.Verschränkt die Hände im Nacken, lehnt sich zurück und grinst exakt so breit, wie dies einem Statssekretär in der Öffentlichkeit eben noch möglich ist."War eine tolle Zeit", sagt er dann und grinst noch ein Millimeterchen breiter.Kein Widerspruch: Wilhelm Staudacher, die rechte und linke Hand des Bundespräsidenten in Personalunion, muß gewiß nicht befürchten, daß ihm die Nachwelt mangelnde Wirkungsmacht nachsagt.Die Firma Herzog steht bekanntlich dennoch vor der Auflösung, aber alle Beobachter sind sicher, daß sie in diesen Jahren nicht nur das Land, sondern vor allem auch das Amt des Bundespräsidenten selbst verändert hat.

Die Strategie, die Staudacher im Rückblick beschreibt, klingt, als habe sich das höchste Staatsamt eine Weile in der Hand klandestiner Revolutionäre befunden."Der Präsident hat versucht, sich mit der Gesellschaft zu verbünden gegen die etablierten Strukturen", sagt er.Man habe Themen gesucht, die die Bevölkerung berührten, aber von den Politikern nicht hinreichend aufgenommen wurden.Der Bundespräsident als eine Variable im demokratischen System, deren Wirkungsmöglichkeiten definiert werden durch das, was die Politik liegenläßt - das ist nicht neu und gilt wahrscheinlich seit Theodor Heuss.Seit Herzog freilich wird die Fahndung nach derlei Freiräumen systematisch gesteuert, durch ein ganzes Bündel von PR-Maßnahmen, ergänzt und von privaten Kooperationspartnern gestützt.Eine Art Rasterfahndung in den Marktlücken der Regierungspolitik.

Die Erschöpfung der Kohl-Regierung im reinen Krisenmanagement war dieser extensiven Selbstdarstellung gewiß dienlich; oft entstand der Eindruck, es sei letzten Endes nur die sperrige Eigenwilligkeit Herzogs selbst, die derartigen Strategien die Grenzen setzte.Der erste multimediale Präsident dieser Republik war gewiß kein Medienstar aus eigenem Antrieb - doch wenn ihm seine Leute ein Treffen mit den Girlies von "Tic Tac Toe" oder dem kernigen Rockerdarsteller Peter Maffay besorgt hatten, dann fühlte er sich erkennbar nicht unwohl und mußte Interesse gewiß nicht heucheln.

Staudacher, der Stratege aus der Schule der Konrad-Adenauer-Stiftung, hat also in diesen Jahren zu unzähligen Strategiekonferenzen eingeladen.Wissenschaftler, Trendforscher, Demoskopen gaben jeweils ein Wochenende lang Fingerzeige."Herzog ist in unglaublicher Weise beratbar, was Inhalte angeht", sagt Staudacher.So kristallisierten sich Themen heraus, die in aller Regel in eine Rede mündeten: "Wir haben uns entweder einen Anlaß selber geschaffen, oder wir haben einen Anlaß genutzt, der schon da war." Bei der Adlon-Rede war es eine Mischung aus beidem.Daß im Zweifelsfall eine "große Rede" bevorstehe, ließ das Amt in aller Regel rechtzeitig vorher wissen.

Der Auftritt des Präsidenten war in dieser Dramaturgie zwar stets der Höhepunkt, aber nie der Schluß.Vielmehr begann das Amt mit seinen strategischen Partnern alsbald, das Thema aus der Spitze in die Breite zu transportieren.Es schloß sich das "Follow up" an, der Weitertransport des betreffenden Themas über Gründungsinitiativen, Schirmherrschaften, Stiftungsprojekte ...Die Bertelsmann-Stiftung beispielsweise übernahm häufig einen so großen Teil des "Follow up", daß man im Präsidialamt ganz ironiefrei von "Outsourcing" redet; Staudacher zuckt kein bißchen zusammen, wenn jemand Herzog als ersten teilprivatisierten Präsidenten beschreibt.Michael Jochum, den die Stiftung als eine Art amtlichen Geschichtsschreiber 1994 an Herzogs Seite gestellt hatte, wurde faktisch vom Beobachter zum Mitarbeiter des Präsidenten bis heute.

Durch diesen stetigen Kontakt zur aktuellen Stimmungslage war Herzog vielleicht nicht der politischste, aber doch der sozusagen tagespolitischste Präsident der bundesdeutschen Geschichte, eine Art Just-in-time-Sinnstifter.Spätestens seit der Ruck-Rede im Adlon 1997 lief er freilich Gefahr, sich mit seinen eigenen Themen Konkurrenz zu machen und dem Staatsvolk mit seinen Mahnungen auf die Nerven zu gehen - also senkten seine Berater die Auftrittsfrequenz merklich.Ohnehin markiert die Adlon-Rede für Jochum, den involvierten Beobachter, eine Art Wendepunkt in der öffentlichen Resonanz.Zuvor hatte sich Herzog mit hohen Beliebtheitswerten als eine Art Weizsäcker fürs Volk etabliert, aber "erst mit der Ruck-Rede profilierte er sich als politischer Präsident", wie Jochum sagt.Das war vielen zuviel: Herzog habe sich auf die Seite der Turbokapitalisten geschlagen, hieß es, er habe sich nach Jahren der Verstellung als eine Art Über-Westerwelle demaskiert.Noch heute irritiert es Staudacher merklich, daß er damals einige Meinungsmacher der deutschen Presse für das Projekt Herzog verloren hat.

Dennoch weist der Staatssekretär den Eindruck einer allumfassenden Planung zurück.Die erste Rede nach der Wahl, die nach allgemeiner Ansicht keineswegs brillante "Zettel-Rede", war ein Herzog-Solo, nicht abgesprochen, nicht geplant und nicht getestet.Also wirbelte die schillernde Aufforderung zum "unverkrampften" Umgang mit der deutschen Geschichte Staub auf und bestimmte die öffentliche Skepsis der ersten Amtstage: Kommt da ein Voralpen-Lübke auf das flache Land zu? Der Umschwung war einen Monat später die "Bitte um Vergebung" zum 50.Jahrestag des Warschauer Aufstands: "That did it", meint Jochum; vor allem bei den besonders argwöhnischen Beobachtern war das nach seinem Eindruck der Durchbruch."Man hat einen Monat heftigst gerungen um diese Formulierung." Entschieden habe Herzog selbst.

Wie über fast alles andere.Staudacher dementiert entschieden, daß das unvollkommene, jedem Perfektionismus abholde Erscheinungsbild des Präsidenten Ergebnis einer subtilen Inszenierung gewesen sei; da habe sich Herzog nie reinreden lassen, und es habe auch niemand versucht.Aber hat sich der Schnitt der Anzüge, die Art der Krawatten nicht doch verändert im Lauf der Jahre? Ja, sagt der Staatssekretär und muß wieder ein wenig grinsen, "das macht alles Frau Herzog." Die Imageberatung des Präsidenten war von Anfang an privatisiert.

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