Politik : Ratlos in einer anderen Welt

Von Robert Birnbaum

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Damit keine Missverständnisse entstehen, gerade nicht in dieser Sache, fangen wir mal mit einer Klarstellung an. Georg Brunnhuber ist kein geschichtsvergessener Rechter. Brunnhuber, CDU-Abgeordneter von der Ostalb, Leiter des „Kardinal-Höffner-Kreises“ katholischer Unionsabgeordneter, ist ein Konservativer. Er hatte sich in der Affäre Oettinger hinter seines Landesvaters Trauerrede auf Hans Filbinger gestellt und hat sich jetzt wie Günther Oettinger von der eigenen Begeisterung distanziert. Damit könnte die Sache ihr Bewenden haben – bliebe da nicht eine kleine Irritation: Warum stolpert ausgerechnet ein aufrechter Konservativer derart in die Vergangenheitsfalle?

Eine gängige Erklärung lautet, die CDU habe eben doch Probleme mit der Abgrenzung zum rechtsextremen Rand. Das mag in Einzelfällen stimmen, führt im konkreten Falle aber am entscheidenden Punkt vorbei. Der erschließt sich erst in einer scheinbaren Nebensache – dem erleichterten Aufseufzen nämlich, mit dem Brunnhuber seinem Landesvater zur bestandenen Meisterprüfung gratuliert hatte. Ein „ganz, ganz großer Schritt“ für die eigene Anhängerschaft sei das gewesen.

In dem Satz schwingt die ganze Befriedigung eines Mannes mit, der endlich einmal einen Punkt gefunden glaubte, an dem seine eigene Ideenwelt sich symbolisch gegen den Zeitgeist behauptete. Vor lauter Freude hat er übersehen, dass der große Schritt ein Schritt zu weit war – und zwar gerade auch aus der Sicht eines christlich-demokratischen Konservativen. Von Eugen Gerstenmaier, Mitverschwörer des 20. Juli 1944, stammt der Satz, dass die CDU in den Gefängnissen von Tegel gegründet worden ist. Vor diesem Anspruch war ein uneinsichtiger NS-Mitläufer wie Filbinger immer untauglich zur Galionsfigur. Dass er es trotzdem wurde, hängt mit den ideologischen Gefechten der 70er Jahre zusammen.

Die sind vorbei. Weltpolitisch hat die Linke sie verloren. Aber die konservative Seite hat nicht gewonnen, sondern gleich mitverloren. Ihr Gegner ist heute nicht mehr ein bequemer ideologischer Feind, sondern die Realität. Auch das ist für Konservative ja keine neue Erfahrung. Aber wo früher Konservativ-Sein immerhin noch als gelebtes Leben möglich war, bleibt es heute – übrigens wie Sozialdemokratisch-Sein – fast nur noch Haltung. Die ist nach wie vor weit verbreitet, als Sehnsucht nach einfachen Welten, nach geordneten Familien- und Arbeitsverhältnissen. Aber selbst (um nicht zu sagen: gerade) droben auf der Schwäbischen Alb wissen die gleichen Menschen ganz gut, dass sie sich in den Zwängen der globalisierten Welt einrichten müssen. Dass also, ein aktuelles Beispiel von vielen, jungen Familien sich die Frage, ob kleine Kinder besser zu Hause oder in der Krippe aufwachsen, oft gar nicht mehr stellt, weil die Frauen mitverdienen müssen – und dass keine Politik der Welt an diesen Zwängen etwas ändern könnte.

Darin liegt die Crux konservativer Politik heute. Wo ein konkretes Gegenziel sich gar nicht mehr realistisch formulieren lässt, bleibt bloß der Ruf nach wenigstens symbolischer Beachtung. Der Ruf fällt oft verzweifelt schrill aus, und ab und zu sucht er sich den falschen Anlass. Die Konservativen unter den Christdemokraten schießen schon mal krachend sogar über das eigene Ziel hinaus, weil sie nur noch schwer Treffer landen können. Manche klagen dann, es liege an der CDU, die zu weit vom konservativen Ideal abgerückt sei. Es ist aber meist nur die Wirklichkeit, die sich entfernt.

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