Politik : Rau für rasche Entschädigung der tschechischen NS-Zwangsarbeiter

Ludmila Rakusan

Bundespräsident Johannes Rau und Tschechiens Staatsoberhaupt Vaclav Havel haben die Entwicklung der bilateralen Beziehungen als positiv gewürdigt. Diese hätten sich in den letzten zehn Jahren kontinuierlich verbessert, hieß es am Mittwoch während des ersten Besuchs Raus als Staatschef im Nachbarland. Rau sprach sich zugleich für eine möglichst schnelle Entschädigung der tschechischen NS-Zwangsarbeiter aus, die auch unter politischen und ökonomischen Aspekten "dringend notwendig" sei und im Interesse Deutschlands liege.

Nicht nach Prag, sondern in die südböhmische Stadt Tabor hatte Havel seienen neuen deutschen Amtskollegen eingeladen. Nun ist aber Tabor keine Provinzstadt wie jede andere, sondern der Inbegriff des böhmischen Protestantismus. Dort versammelten sich Anfang des 15. Jahrhunderts die Anhänger des Predigers und Luther-Vorläufers Jan Hus, der den Märtyrertod am Scheiterhaufen starb, um nach seiner Lehre zu leben. Allerdings war Tabor auch die Basis des husitischen Heeres unter der Führung von Jan Zizka, dessen Kampfchoräle allein angeblich genügten, um die "katholisch-kaiserlichen Feinde scharenweise in die Flucht zu schlagen". So lernen es zumindest bis heute tschechische Kinder im Unterricht. Ihre Altersgenossen im benachbarten Niederbayern, Oberfranken oder Sachsen haben hingegen ein anderes Geschichtsbild im Kopf: das von "blutrünstigen husitische Horden", die über die böhmischen Grenzwälder hinausstrebten, "um zu plündern und zu morden".

Die beiden Staatspräsidenten trafen sich am späten Vormittag auf dem Hauptplatz von Tabor, der den Namen von Zizka trägt. In der komplizierten Materie der geschichtlich belasteten deutsch-tschechischen Beziehungen waren sie somit mittendrin. Allerdings kann man in Tabor auch die gemeinsame Zukunft ins Visier nehmen: Beide Staatsmänner besuchten dort eine private Grundschule, wo Deutsch als Pflichtfremdsprache gelehrt und in der Erziehung viel Wert auf christlichen Toleranz gelegt wird. Die 1997 gegründete Schule, wo derzeit knapp 100 Kinder lernen, trägt den Namen des überzeugten Europäers Bernard Bolzano, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den böhmischen Ländern gegen die nationalistischen Spannungen kämpfte und diese als die potenzielle Quelle eines großen Übels enthüllte. Dass die Bolzano-Schule in Tabor nun Wirklichkeit werden konnte, verdankt sie nicht zuletzt auch kräftigen Zuschüssen aus dem Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds.

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