• Rau: Wir sind ein solidarisches Volk Vor der Wahl fordert der Bundespräsident, dass die Politik sich der Gesellschaft anpasst – weil die schon weiter ist

Politik : Rau: Wir sind ein solidarisches Volk Vor der Wahl fordert der Bundespräsident, dass die Politik sich der Gesellschaft anpasst – weil die schon weiter ist

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Berlin (Tsp). Bundespräsident Johannes Rau sieht die Notwendigkeit, auf die gewachsene Individualisierung der Gesellschaft in Deutschland zu reagieren. „Es reicht nicht nur, die politische Darstellung zu modernisieren. Die Politik muss sich diesen Veränderungen inhaltlich stellen“, sagte Rau im Gespräch mit dem Tagesspiegel am Sonntag und fügte hinzu: „Vielleicht muss man die Strukturen an die gewachsene Individualisierung der Gesellschaft anpassen.“ Der Präsident will damit auch Konsequenzen aus der Welle der Hilfsbereitschaft nach der Flutkatastrophe ziehen, die gezeigt habe, dass die Deutschen ein solidarisches Volk seien.

Rau warnte allerdings davor, bei Diskussionen über die Umgestaltung der Gesellschaft hinter dem Zeitgeist herzulaufen. „Wer den Zeitgeist heiratet, wird schnell Witwer.“

Der Präsident forderte ein neues Bild der deutschen Gesellschaft – und widersprach dem öffentlichen Bild der Ellenbogengesellschaft. Von 80 Millionen Einwohnern seien 22 Millionen ehrenamtlich tätig. Das werde zu wenig bewusst gemacht, und deshalb sei „die Flutkatastrophe ein öffentliches Signal“. Der Bundespräsident appellierte: „Die Gesellschaft lebt nie allein von dem, was die Menschen nach Beamtenrecht oder Tarifvertrag tun, sondern vor allem von dem, was sie darüber hinaus leisten.“ Er hob hervor, dass die Amerikaner bei Bewerbungen ausdrücklich nach dem ehrenamtlichen Engagement gefragt würden. In Deutschland sei es genau umgekehrt: Dort versuche jeder Bewerber nachzuweisen, dass er nur seine Firma oder Behörde im Sinn haben werde: „Da ist Umdenken nötig.“

Kritisch äußerte sich Rau über überzogene Gehälter von Spitzenmanagern, und dies gerade in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit. „Ich finde es auch richtig, wenn der Tüchtigere mehr verdient als der weniger Tüchtige. Aber man muss einen öffentlichen Dialog darüber führen, welche Maßstäbe wir anlegen.“ Die breite Diskussion über die Frage, ob üppige Gehaltserhöhungen von Spitzenmanagern mit Blick auf die Job-Krise richtig gewesen seien, halte er für richtig: „Mein Eindruck ist, dass diese Debatte auch Wirkung gezeigt hat.“ Es stimme, dass nur wer dienen könne auch führen könne, sagte der Bundespräsident. „Wenn ich mir bestimmte Unternehmensführer ansehe, habe ich Zweifel“, setzte er hinzu.

Auch den Kirchen gelingt es nach Ansicht Raus inzwischen nicht mehr, den Menschen umfassende Hilfe bei der Suche nach dem Sinn des Lebens zu geben. „Selbst unsere großen Kirchen haben doch Probleme, die Menschen zu überzeugen, weil die Kirche des Wortes längst eine Kirche der Wörter geworden ist“, sagte er. „Da werden nicht alle Sinne angesprochen, sondern nur noch der Kopf.“ Der Staat könne solche Defizite nicht ausgleichen, er könne „nicht sagen: Seid religiös!“ Der Staat könne einen Ordnungsrahmen schaffen und Regelverletzungen bestrafen, „nicht mehr, aber auch nicht weniger“.

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