Politik : Raus aus dem Biedermeier

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Von Bärbel Schubert

Eine Idylle? Die Universitäten in ehrwürdiger Tradition, die Gymnasien dem kleineren Teil der Jugendlichen vorbehalten. Eine genaue Untersuchung der Zustände gibt es nicht. Wer braucht sie, wer will sie schon. Deutschland im Bildungsbiedermeier.

Die Idylle – eine Illusion. Nun gibt es die genaue Untersuchung, und die aktuellen internationalen Vergleiche sind ein verheerendes Zeugnis. Deutschlands Schulen bilden viel weniger Abiturienten aus, als der Arbeitsmarkt erfordert. Und von den wenigen Studienberechtigten beginnen dann noch viel zu wenige ein Studium. So kommt es dann, dass die Zahlen beim Hochschulabschluss weit hinter denen anderer Staaten liegen: Gerade einmal 17 Prozent eines Jahrgangs schaffen es, während der Durchschnitt der OECD-Staaten bei 25 Prozent liegt. Mit Spitzenwerten in einigen Ländern um 50 Prozent – doppelt so viele Jung-Akademiker wie in der Bundesrepublik.

Der Vergleich zeigt das Ausmaß der Misere. Das deutsche Bildungssystem bildet zu wenig Qualifizierte aus – und die wenigen auch noch zu schlecht. Der internationale Schultest Pisa zeigt es schwarz auf weiß: Die Qualität unseres Schulsystems ist international nicht konkurrenzfähig. Setzen, 6. Selbst unsere guten Schüler sind international nur Mittelmaß. Für die schwachen muss einem Angst und Bange werden: Sie können Texte nach neun Jahren Unterricht nicht richtig verstehen. Deuten schon gar nicht.

Bundeskanzler Gerhard Schröder reagiert auf die Misere mit einer Regierungserklärung. Das ist die erste zum Thema Bildung in der Geschichte der Bundesrepublik – immerhin. Und sein Wahlkampfversprechen, mit vier Milliarden Euro Bundesmitteln den Ausbau der Ganztagsschulen zu unterstützen, setzt ein Ausrufezeichen. Geholfen werden soll den Kindern ohne Bücherschrank zu Hause durch mehr Zeit zum Lernen, aber auch den Hochbegabten durch gezielte Angebote. Gleichzeitig kommt Schröder mit der Ganztagsschule den Wünschen vieler junger Familien entgegen, Kindererziehung und Beruf besser miteinander zu vereinbaren.

Für Schröders Arbeitsmarktpolitik ist das Thema Bildung ohnehin unverzichtbar. Da sind die Versäumnisse längst zu sehen: Es fehlen Ärzte, Ingenieure, Informatiker und neuerdings auch Lehrer. Alle Arbeitsmarktprognosen gehen einhellig davon aus, dass die Qualifikationsanforderungen in Zukunft weiter steigen werden, wie das auch in den vergangenen Jahrzehnten ständig der Fall war. Die Wirtschaft fürchtet seit einiger Zeit, dass der Mangel an ausgebildeten Fachkräften zur Bremse für das Wachstum wird.

Die Parteien haben Bildung als „Megathema“ entdeckt – jetzt. Bei aller Skepsis gegenüber Wahlkampfversprechen: Die Sozialdemokraten können für ihre Glaubwürdigkeit beim Thema Bildung in Anspruch nehmen, dass sie in den letzten vier Jahren den Bundesetat für Bildung und Forschung um mehr als 20 Prozent erhöht haben. Das ist seit 1982 die erste deutliche Steigerung in diesem Bereich. Unter Helmut Kohl gab es immer wieder Kürzungen. Die Union ist im Zwiespalt. Noch hält sie dem Kanzler vor, zu viel anzukündigen. Aber längst schauen auch die unionsgeführten Länder, wo Geld herzuholen ist. Auch Kanzlerkandidat Edmund Stoiber blieb nichts anderes, als ebenfalls mehr Ganztagsangebote zu versprechen. Er will doch auch sozial sein.

Die Schulstudie Pisa hat auf das größte Übel im deutschen Schulsystem hingewiesen: Kinder aus armen, bildungsfernen und ausländischen Familien werden in Deutschland so unzureichend gefördert wie in keinem anderen Industrieland. Damit aber liegen Bildungsreserven brach, die die Bundesrepublik braucht, um international mitzuhalten. Die logische Alternative lautet also: Mehr Ausbildung für die eigene Bevölkerung – oder Türen ganz weit auf für ene hochqualifizierte Zuwanderung. Diese Vorstellung behagt aber nicht allen Parteien. Außerdem ist es nur eine Hoffnung, dass die gut ausgebildeten Fachkräfte dann überhaupt nach Deutschland kommen wollen. Also gibt es keine Alternative zur großen Bildungsreform.

Die schlechten Noten unserer Schulen und Hochschulen haben zu großer Unruhe geführt – eine gute Voraussetzung für Veränderungen. Biedermeier muss man ja auch nicht ewig mögen.

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