Politik : Raus aus dem grauen Markt

So gut wie die Kita: Tagesmütter werden immer begehrter – aber noch fehlen einheitliche Qualitätsstandards und eine gute Bezahlung

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Am Anfang haben die meisten Angst. Das ist immer noch so, auch in Berlin. Peter Heinssen, Geschäftsführer von „Familien für Kinder GmbH“, muss Eltern, die für ihre Kinder eine Tagesmutter suchen, zunächst die Sorgen nehmen. „Viele fragen erst mal, ob es dem Kind nicht doch schadet, wenn es schon unter drei Jahren von einer fremden Person betreut wird“, sagt Heinssen. Seine Gesellschaft ist eine von zahlreichen überregionalen Beratungsstellen für Kindertagespflege. Hier melden sich nicht nur Eltern, sondern auch Menschen, die gerne als Tagesmutter oder -vater arbeiten würden. Nur sind das noch nicht so viele. Rund 1500 Tagesmütter sind in Berlin offiziell im Einsatz bei etwa 4500 Plätzen. „Und der Bedarf ist sehr hoch“, sagt Heinssen. Nur die Angst kann er den Eltern nicht so einfach nehmen. „Wenn sie gut gemacht ist, schadet eine Tagespflege dem Kind nicht“, antwortet er meistens auf die besorgten Fragen. Aber was heißt schon „gut gemacht“?

Darauf weiß selbst der Gesetzgeber keine wirkliche Antwort. Dabei hat er mit dem Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG), das seit 1. Januar 2005 in Kraft ist, erstmals dafür gesorgt, dass die Kindertagespflege denselben Stellenwert bekommt wie die Betreuung in einer festen Institution. Das Gesetz fordert die Kommunen auf, bis spätestens 2010 eine bessere Betreuungsinfrastruktur für Unterdreijährige bereitzustellen. Dabei sollen 30 Prozent des Bedarfs von Tagesmüttern abgedeckt werden. Bisher sind es gerade einmal 4,1 Prozent (siehe Grafik). In den aktuellen Ausbauplänen der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sind 70 000 neue Plätze und 35 000 zusätzliche Tagesmütter vorgesehen. Die Tagespflege soll raus aus einem grauen Markt, der sich noch in der alten Bundesrepublik aufgebaut hat. Weil institutionelle Betreuung rar war (und immer noch ist) haben sich Eltern, die es sich leisten konnten, private Betreuung gesucht. Was taugte, wurde weiterempfohlen, und so entwickelte sich ein informeller Markt. Noch heute fungiert die Tagesmutter in Westdeutschland als Ersatz für fehlende institutionelle Betreuung. In Ostdeutschland ist sie mehr eine Ergänzung. Eric van Santen hat in der Kinderbetreuungsstudie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) 2005 herausgefunden, dass im Osten auf ein Tagespflegekind zehn kommen, die in einer Institution betreut werden. In Westdeutschland stehen einem Kind in Tagespflege gerade einmal zwei in einer anderen Einrichtung gegenüber.

Mit dem TAG sollte die öffentlich finanzierte Tagespflege gestärkt werden. Und sie sollte vor allem eine Hilfe sein für Alleinerziehende und Familien, in denen beide Elternteile arbeiten müssen. Sie haben mit dem Gesetz einen Anspruch auf Betreuung ihrer Unterdreijährigen. Die Beiträge für Tagespflege entsprechen wegen der gesetzlichen Gleichstellung in fast allen Bundesländern denen von Kindertagesstätten. Auch die Qualitätskriterien wurden im TAG festgelegt. So muss eine Tagesmutter jetzt schon ab dem ersten Kind, das sie betreuen will, beim Jugendamt eine Pflegeerlaubnis beantragen. Früher war dies erst ab dem fünften Kind erforderlich. „Aber das passiert noch längst nicht überall“, sagt Karin Weiß vom DJI. Viele hätten sich noch nicht auf das neue System umgestellt. Sie kritisiert aber vor allem zweierlei: „Die Qualitätsanforderungen sind im Gesetz zu schwammig und der Verdienst ist nicht existenzsichernd.“

Im Gesetz heißt es lediglich, dass Personen für die Tagespflege geeignet sind, „die sich durch ihre Persönlichkeit, Sachkompetenz und Kooperationsbereitschaft mit Erziehungsberechtigten auszeichnen und über kindgerechte Räume verfügen“. Außerdem sollen sie über vertiefte Kenntnisse verfügen, die sie in Lehrgängen erworben haben. Alles Weitere können Landesgesetze regeln.

„Aber auch das ist nicht zwingend überall der Fall, die Spannbreite reicht von einem Wochenendseminar bis zu 1000 Stunden“, erklärt die Expertin. Sie hat federführend am Leitfaden „Qualifizierung in der Kindertagespflege“ des DJI mitgearbeitet, den auch das Bundesfamilienministerium als Grundlage empfiehlt. Darin sind 160 Fortbildungsstunden vorgesehen. Ausgeführt werden diese Fortbildungen vom Bundesverband deutscher Tagesmütter in Zusammenarbeit mit 187 Trägern. „Bisher haben sich 3759 Personen entsprechend diesen Standards fortgebildet, davon 18 Männer“, sagt Jutta Hinke-Ruhnau vom Bundesverband. 20 Prozent fallen schon bei der ersten Zwischenprüfung durch. Aber nicht alle müssen sich an diese Standards halten. „Das ist von Region zu Region unterschiedlich, eine einheitliche Lösung wäre besser“, so Hinke-Ruhnau. Erfreulich findet sie aber, dass sich der Bund ab Oktober an der Finanzierung der Qualifizierung beteiligt. Nach Auskunft des Familienministeriums werden 20 Millionen Euro aus Fördermitteln des Europäischen Sozialfonds zur Verfügung gestellt. Die Qualität soll sich der der festen Einrichtungen angleichen.

Doch das birgt auch ein Problem: Je besser sich Tagesmütter qualifizieren, desto teurer werden sie auch. „Das will keiner bezahlen, dabei ist es finanziell schon jetzt nicht sehr attraktiv, als Tagesmutter zu arbeiten“, sagt Hinke-Ruhnau. Der Bundesverband empfiehlt einen Stundenlohn von 5,50 Euro. „Es gibt aber auch Stundenlöhne die bei 70 Cent liegen“, sagt Hinke-Ruhmann. In der Bezahlung sind Standards wegen der regionalen Einkommensunterschiede schwierig. Qualitätsstandards aber wären bundeseinheitlich möglich. Und das wünscht sich auch Peter Heinssen. Dann könnte er den besorgten Eltern die Angst vor einer frühen Betreuung nehmen.

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