Politik : Raus aus der Villa, rein in die Stadt

Bettina Wieselmann[Stuttgart]

Alle Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, vom Liberalen Reinhold Maier über sieben Christdemokraten bis zum Grünen Winfried Kretschmann, regierten und regieren von der über dem Stuttgarter Talkessel thronenden Villa Reitzenstein aus das Land. Doch beim derzeitigen Amtsinhaber stellt sich jetzt ernsthaft die Frage, wie lange noch? Es geht mitnichten um politische Spekulationen. Vielmehr muss in absehbarer Zeit bislang schier Undenkbares entschieden werden: Sollen die Geschicke des Landes künftig nicht mehr aus der schicken Halbhöhenlage aus gelenkt werden?

Tatsache ist, das 1913 für 2,8 Millionen Goldmark fertiggestellte „teuerste Einfamilienhaus der Stadt“ – von der verwitweten Freifrau Helene von Reitzenstein im Stil der italienischen Renaissance in Auftrag gegeben und schon 1922 an das Land Württemberg verkauft – ist sanierungsbedürftig. Dem neuen Amtschef, Staatssekretär Klaus-Peter Murawski, muss das gleich zum Amtsantritt eingeleuchtet haben. In seiner Abwesenheit war ein Deckenteil hinter dem Stuhl des Grünen zu Boden gegangen. Vor allem aber müssen Heizung, Elektrik und Lüftung erneuert werden.

Das ließe sich, so ist zu hören, unter Hochdruck in der nächsten Sommerpause machen. Doch es kommt ein weiteres Problem hinzu. Der in den 70er Jahren neben der Villa erstellte Erweiterungsbau, in dem an die 40 Mitarbeiter des Staatsministeriums Dienst tun, hat – wie die meisten Gebäude dieser Zeit – ein schon länger bekanntes Asbestproblem. Zwar gebe es keine Gesundheitsgefahr, aber es bestehe die Verpflichtung, spätestens in zwei, drei Jahren tätig zu werden. Die Experten der staatlichen Hochbauabteilung plädieren für Abriss. Ein Neubau in der teuren Wohngegend aber wird wohl nicht nochmals ohne rechtskräftigen Bebauungsplan (und jeder Menge Widerspruch) errichtet werden können.

Es geht also auch um die künftige Arbeitsfähigkeit der Regierungszentrale. Doch nicht nur. Kein Geheimnis ist mehr, dass sich Deutschlands erster grüner Ministerpräsident sehr gut vorstellen kann, die mit Gobelins und perlmuttbesetzten Intarsienwänden luxuriös ausgestattete Villa auf der Höhe für immer zu verlassen. „Ich hätte schon lieber ein Staatsministerium, das mitten in der Stadt liegt und nicht abgelegen auf dem Berg, wo es von der Bevölkerung abgeschottet ist“, sagte er. Im 21. Jahrhundert „aus einem Schloss heraus zu regieren“, sei für die „politische Ästhetik nicht so einfach“. Entschieden freilich ist noch überhaupt nichts.

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