Politik : Razzia gegen regierungskritischen Medienkonzern ruft Proteste hervor

Elke Windisch

Die sprichwörtliche Eselsgeduld der Russen hat offenbar doch Grenzen: Freitagabend erstatte der Pressekonzern Media-MOST offiziell Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Am Donnerstag waren maskierte Bewaffnete in die Firmenzentrale eingedrungen, hatten die Mitarbeiter stundenlang in der Kantine eingesperrt und Dokumente beschlagnahmt.

Alles ein Missverständnis, meinte zunächst Vize-Konzernchef Igor Malaschenko. Wladimir Putin, der erst am letzten Sonntag auf die russische Verfassung vereidigt wurde, die unter anderem auch Meinungs- und Pressefreiheit garantiert, wisse offenbar nichts von dem "Überfall" und werde alsbald Ordnung schaffen.

Doch der rührte keinen Finger, um die Razzia zu stoppen. Erst 24 Stunden später raffte sich sein Pressechef zu einer Erklärung auf, in der es lediglich hieß, vor dem Gesetz seien alle gleich. Vermutungen, dass die Kremladministration selbst den Überfall anordnete, verdichteten sich dadurch nur noch. Putin selbst wies alle Befürchtungen zurück, dass es eine Gefahr für die Pressefreiheit gebe. Die freie Presse sei "die wichtigste Garantie für die demokratische Entwicklung der Gesellschaft".

Namhafte Politiker, darunter Liberale wie Grigorij Jawlinski und Ex-Premier Sergej Kirijenko, aber auch KP-Chef Gennadij Sjuganow äußerten sich bereits empört über den Angriff auf die Medienfreiheit.

Zum Medienkonzern gehören neben dem TV-Sender NTW, unter anderem das beliebte Radio "Echo Moskwy", die Zeitung Sewodnja und das illustrierte Nachrichtenmagazin "Itogi." Alle haben ein eher gespaltenes Verhältnis zu Putin und waren durch kritische Berichterstattung über den Tschetschenienkrieg und durch Enthüllungsstorys aufgefallen, bei denen es um Korruption in Russlands Führungsetagen ging.

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