Razzia : Propaganda, Videos, Computer

Die Polizei beschlagnahmt bei einer Razzia gegen Islamisten reichlich Material. Auch in Berlin wurde ermittelt.

Michael Schmidt

BerlinBerlin - Bei der Großrazzia gegen mutmaßliche Islamisten in Deutschland haben Polizisten am Mittwoch auch die Wohnung des Deutsch-Ägypters Reda Seyam in Berlin-Charlottenburg durchsucht. Bei dem 48-jährigen Arbeitslosen, den Sicherheitskreise dem Al-Qaida-Umfeld zurechnen, wurde Filmmaterial über Islamseminare sichergestellt, außerdem fanden die Beamten bei dem Beschuldigten eine scharfe Waffe mit Munition und Bargeld. Das teilte die Staatsanwaltschaft München am Freitag mit.

Reda Seyam steht unter dem nicht bestätigten Verdacht, an den Terroranschlägen vom 12. Oktober 2002 auf der Insel Bali mit mehr als 200 Toten beteiligt zu sein. Zuletzt sorgte er, der die Taliban und Steinigungen als Strafe für Ehebruch öffentlich lobte, für Schlagzeilen, als er gerichtlich durchsetzte, seinen Sohn "Dschihad", also heiliger Krieg, nennen zu dürfen. Seyam ist Kameramann, er hat beim arabischen Fernsehsender al-Dschasira volontiert. Seine von ihm geschiedene erste Frau, eine Deutsche, hat in einem Buch beschrieben, wie ihr Mann sie zwang, bei der Exekution von angeblichen Feinden auf dem Balkan anwesend zu sein und wie er dabei filmte.

Bei der jüngsten Razzia in Neu-Ulm, Ulm, Sindelfingen, Bonn, Leipzig und Berlin, an der insgesamt 130 Polizisten aus fünf Bundesländern beteiligt waren, wurden insgesamt, wie Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld am Freitag klarstellte, 17 Privatwohnungen, Geschäftsräume von Verlagen sowie Büros und Büchereien zweier Moscheen durchsucht. Bei den Beschuldigten handelte es sich um einen in Deutschland geborenen Pakistaner und acht Deutsche, davon zwei Konvertiten. Ihnen wirft die Staatsanwaltschaft unter anderem Bildung einer kriminellen Vereinigung und Volksverhetzung vor.

Anhaltspunkte für konkrete Anschlagspläne hätten sich in dem Ermittlungsverfahren nicht ergeben, teilte Schmidt-Sommerfeld mit. Festnahmen gab es keine. Die Beschuldigten seien von der Polizei vernommen und anschließend wieder entlassen worden.

Ausgangspunkt der Ermittlungen war nach Auskunft der Staatsanwaltschaft die Auswertung des Materials, das im Multi-Kultur-Haus (MKH) in Neu-Ulm sichergestellt wurde. Das MKH, das 2005 geschlossen und dessen Trägerverein verboten wurde, galt als Treffpunkt besonders fundamentalistischer Muslime. Wer hier predigte, wird zu den Leitfiguren des politisch extremistischen Islamismus gerechnet. Die damals sichergestellten Schriften hätten Verstöße gegen das friedliche Zusammenleben der Völker und Aufrufe zur Tötung Andersgläubiger, vor allem Juden und Christen, enthalten. Im Rahmen der Razzia am Mittwoch seien nun zusätzlich in allen durchsuchten Objekten vielel Propaganda-Schriften in arabischer und deutscher Sprache, CDs, DVDs, Videofilme und Computer als Beweismaterial beschlagnahmt worden, hieß es in der Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft.

Die Unterlagen sollen nun ausgewertet werden. Die Ermittler wollten die strafrechtlich relevanten Medien herausfiltern und feststellen, "inwieweit die Beschuldigten im Einzelnen an der Erstellung, Bearbeitung und Verbreitung beteiligt waren". Das werde Monate dauern, kündigte Schmidt-Sommerfeld an.

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