Politik : Reaktion auf den Terror: Der Preis der Solidarität

Elke Windisch

Noch vor einer Woche sah Putin-Intimus Sergej Iwanow nicht einmal eine "hypothetische Basis" für die militärische Präsenz der Nato in den GUS-Staaten. Nach einem siebenstündigen Sitzungsmararathon Putins mit den Spitzen von Militär und Geheimdiensten am Wochenende am Schwarzen Meer musste Russlands Verteidigungsminister sich öffentlich korrigieren. Russland, so Iwanow vor der Presse, werde bei seiner Unterstützung für die USA in Kampf gegen den Terrorismus "nicht wackeln".

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Während Iwanow die Unterstützung Moskaus zusicherte, wird das radikalislamische Taliban-Regime in Afghanistan von amerikanischen Truppen und Kampfflugzeugverbänden langsam von allen Seiten eingekreist. Trotz offizieller Dementis der Regierungen berichteten US-Medien am Montag übereinstimmend über die Verlegung von US-Einheiten nach Tadschikistan und Usbekistan. In den ehemaligen Sowjetrepubliken und nördlichen Nachbarn Afghanistans seien sowohl Bodentruppen als auch Transportflugzeuge eingetroffen, berichtete der Fernsehsender ABC.

Die USA können bei einem möglichen Militäreinsatz gegen Afghanistan auch den kasachischen Luftraum nutzen. Sollten die Vereinigten Staaten Kasachstan um Überflugrechte bitten, "würden wir Ja sagen", sagte Präsident Nursultan Nasarbajew am Montag in Astana. Bereits wenige Tage nach den Terroranschlägen in New York und Washington vom 11. September hatte er den USA versichert, sein Land sei bereit, die USA im Kampf gegen den Terrorismus "mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen".

Den Sinneswandel in Moskau bewirkten offenbar Meldungen, wonach Saudi-Arabien den USA die Nutzung seiner Basis verweigert und Pakistan angesichts der Demonstrationen gegen die USA umschwenken könnte. Vermindert sich die Gefahr einer Invasion an den Südgrenzen Afghanistans, wächst jedoch zwangsläufig die Bedrohung für dessen nördliche Nachbarn - die ohnehin instabilen UdSSR-Nachfolgestaaten Kasachstan, Kirgisien, Turkmenien, vor allem aber Usbekistan und Tadschikistan.

Nichts aber käme Moskau ungelegener als der Sturz der loyalen Staatschefs der Region. Angesichts dieser Gefahren gab Putin nach telefonischen Konsultationen mit Bush seinen Ex-Vasallen am Sonntag sogar grünes Licht, seine Basen der US-Airforce zur Verfügung zu stellen.

Russland will offenbar die Eröffnung einer "zweiten Front" (Iswestija) allerdings an konkrete Bedingungen knüpfen. Umsonst ist nichts, warnte Kremlberater Sergej Karaganow bereits in der englischsprachigen "The Moscow Times". Moskau pocht Washington gegenüber auf Abstimmung mit den Partnern. Der außenpolitische Sprecher der Duma, Dmitrij Rogosin, forderte zudem Garantien für den militärischen Beistand der USA, falls es in Zentralasien im Gefolge einer neuen Flüchtlingswelle aus Afghanistan zu Unruhen kommt. Zudem besteht Moskau auf eine zeitlich begrenzte militärische Präsenz der USA in Zentralasien und auf den Verzicht des Westens auf Kritik am Tschetschenien-Krieg. Weiterer Bestandteil des Wunschzettels: die Umstrukturierung der sowjetischen Altschulden.

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