Politik : Reaktion auf den Terror: "Europa ist zu nachgiebig gegenüber Terroristen"

Susanne Güsten

Ist Europa ein Tummelplatz für Terroristen? In der Türkei, wo dieser Verdacht schon länger gehegt wird, wächst seit den Terroranschlägen von New York und Washington die Verbitterung über die vermeintlich nachgiebige Haltung der Europäer und vor allem der Deutschen gegenüber radikalen Gruppierungen, die ihre Gewalttaten in anderen Ländern verüben. "Die Schlange, die mich nicht beißt, soll tausend Jahre leben", zitierte der türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit ein anatolisches Sprichwort, das seiner Ansicht nach den Umgang europäischer Regierungen mit ausländischen Terrorgruppen beschreibt.

Als "Schande für die Menschheit" verurteilte Ecevit das Verhalten "einiger westeuropäischer Staaten", die "Terroristenführer mit offenen Armen aufgenommen" hätten. "Viele der in der Türkei verübten Terroranschläge wurden von diesen in Westeuropa aufgenommenen Terroristenführern geplant und angeordnet", sagte der Regierungschef. Damit meinte er nicht nur den kurdischen Rebellenchef Abdullah Öcalan, der sich vor seiner Festnahme 1999 zeitweise in Italien aufhielt; auch führende Mitglieder radikal-islamistischer Gruppierungen aus der Türkei wie etwa "Milli Görüs" und "Kalifenstaat" sowie linksextremer Gruppen wie der Revolutionären Volksbefreiungsfront (DHKC) sitzen in Westeuropa.

Die Liste der türkischen Beschwerden ist lang: Ankara vermutet, dass die Anschläge der DHKC auf türkische Polizisten ebenso aus Belgien befehligt werden wie deren Selbstmordattentate und der Hungerstreik linksradikaler Häftlinge, bei dem bisher 36 Menschen starben. Vergeblich forderte die Türkei 1998 von Deutschland die Auslieferung des islamistischen Fundamentalisten Metin Kaplan, der einen Selbstmordflug auf das Atatürk-Mausoleum in Ankara geplant haben sollte. Den Mordanschlag der islamistischen Terrorgruppe Hisbollah auf einen türkischen Polizeichef im Januar diesen Jahres soll Hisbollah-Chef Isa Altsoy aus Deutschland befohlen haben. Und PKK-Chefs drohen der Türkei vom europäischen Exil aus immer wieder mit neuem Krieg.

"Schläft Deutschland?", fragen türkische Zeitungen seit Jahren und kritisieren die Bundesrepublik als "Stützpunkt des Terrors". Mit Befriedigung registrieren sie jetzt, dass die EU nach den Anschlägen in den USA schärfer gegen Terroristen vorgehen will. "Guten Morgen, Europa", titelten die Zeitungen in dieser Woche.

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