Reaktionen am Bosporus : Auch die Türkei diskutiert über Sarrazin

Auch in der Türkei wird kontrovers über Thilo Sarrazins Thesen zur Einwanderung diskutiert. Der frühere Berliner Senator verteidigt derweil seine Meinung in "Hürriyet".

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07.02.2012 08:19"Wenn die Energiekosten so hoch wären wie die Miete, würden sich die Leute überlegen, ob sie nicht mit dicken Pullovern bei 15, 16...

Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin hat seine umstrittene Thesen zur Migration in der türkischen Zeitung „Hürriyet“ verteidigt. Sein Problem seien nicht Türken oder Muslime, sondern Integrationsunwillige, sagte Sarrazin in einem Gespräch mit dem Berlin-Korrespondenten der größten türkischen Tageszeitung. Er wolle nicht, dass in Deutschland auf Dauer nationale Minderheiten und Parallelgesellschaften entstünden. In Leserzuschriften an türkische Internetmedien erhielt Sarrazin zwar viel Kritik, aber auch Unterstützung von Türken.

Es sei möglich, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, ohne die eigene Identität und Nation zu verleugnen, sagte Sarrazin. So sollten Türken in Deutschland nicht nur türkische Fernsehsendungen anschauen, sondern auch den deutschen „Tatort“. Er selbst habe französische, italienische und britische Vorfahren und sei auch kein „vollblütiger“ Deutscher.

Die türkischen Medien beobachten die deutsche Debatte über Sarrazin aufmerksam und zum Teil sehr kritisch – in einigen Berichten wird der Bundesbanker als „Rassist“ bezeichnet oder mit dem niederländischen Rechtspolitiker und Islam-Gegner Geert Wilders verglichen. Türkische Politiker haben sich bisher aber nicht zu dem Thema geäußert, und auch die Medien werten die Diskussion vorwiegend als rein innerdeutsches Phänomen.

In Leserreaktionen bei Online-Medien wird allerdings auch in der Türkei über Sarrazin diskutiert. Der ehemalige SPD-Finanzsenator denke wie die allermeisten Europäer und blicke auf Menschen aus anderen Weltgegenden herab, schrieb ein Leser der Internetausgabe der Zeitung „Habertürk“. Auf der Internetseite des Nachrichtensenders CNN-Türk schrieb ein in Deutschland lebender türkischer Diskussionsteilnehmer, wie er wollten viele Türken aus der Bundesrepublik in die Türkei zurückkehren.

Andere Leser unterstützten Sarrazin dagegen. Er selbst lebe als Türke in Berlin und müsse sagen, Sarrazin habe zu 95 Prozent recht, was Zuwanderer vom Balkan angehe, schrieb ein „Habertürk“-Leser. Von der deutschen Bevölkerung erhalte Sarrazin soviel Zuspruch, dass er Bundeskanzler werden könne, wenn er eine Partei gründen würde. Auch ein anderer „Habertürk“-Leser hab Sarrazin recht. In einer Zuschrift bei CNN-Türk hieß es, die Deutschen betrachteten die Türken mit derselben Furcht, die Türken den Kurden gegenüber hätten.

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