Politik : Reaktionen auf den Terror: Offene Ohren

Jost Müller-Neuhof,Eckart Stengel

Man hätte früher darauf kommen können. Die islamischen Organisationen in Deutschland verraten ihre Terroristen einfach selbst. Was sonst soll es bedeuten, wenn selbst der Vorsitzende der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs am Mittwoch im Deutschlandfunk zur Terror-Fahndung sagt: "Wir sind gerne bereit zu leisten, was man tun kann."

Immerhin Milli Görüs. Ihre Kooperationsbereitschaft mit den Behörden haben schon zahlreiche Vereinigungen der rund 3,2 Millionen hier zu Lande lebenden Muslime angeboten, beispielsweise der Zentralrat der Muslime in Deutschland. Aber Milli Görüs ist ein Sonderfall, nicht nur durch die hohe Mitgliederzahl von 27 000. Denn muss die Organisation nicht selbst als extremistisch gelten? Jedenfalls beobachtet sie der Verfassungsschutz und attestiert ihr ein ungesundes Verhältnis zur Demokratie westlicher Prägung. Da liegt der Verdacht nahe, die Radikalen bildeten nicht nur eine Randgruppe, sondern hätten Macht bis in die Spitze.

Entsprechend zurückhaltend bewerten die Behörden das Angebot. "Wir haben natürlich ein offenes Ohr", sagt etwa Jürgen Stoltenow vom Bundeskriminalamt. "Aber es ist nur denkbar, dass das BKA in konkreten Einzelfällen kontaktiert wird". Stoltenow verweist auf die Zuständigkeit der Länder-Polizei, wenn die Vorbereitung von Straftaten bekannt würde, oder der des Verfassungsschutzes, soweit es nur um Beobachtung geht.

Mit seiner Skepis steht der BKA-Mann nicht allein. Dass die Fahnder Informationen brauchen, ist klar. Fraglich ist nur, welche. Einige Beamte werden schon ironisch: "Am besten wäre eine Teilnahmeliste der Al-Qaida-Ausbildungslager, aber die haben wir leider nicht", sagt Andreas Lohmeier vom Hamburger Landeskriminalamt. Von den Islam-Organisationen in Deutschland werden sie die Behörden vermutlich auch als Letztes bekommen. Experten weisen auf die fehlende Homogenität der Glaubensgemeinschaften hin, auch bei Milli Görüs. Wer etwas plant, teilt sich nicht mit. Auch habe die Geschichte der mutmaßlichen Attentäter vom 11. September gezeigt, dass sie sich gerade nicht in die islamischen Strukturen in Deutschland integriert hätten.

Einstweilen sind es dehalb weniger die Strafverfolger als die Politiker, die entscheiden, wie mit den islamischen Gemeinden umgegangen wird. Eine Linie ist nicht erkennbar. Niedersachsen fährt einen harten Kurs, Bremen will umarmen. Seit den Anschlägen auf die USA gilt für den Bürgermeister und "Senator für kirchliche Angelegenheiten" Henning Scherf stärker denn je das Motto: Verständigung statt Ausgrenzung. Am "Tag der offenen Moschee" besuchte der 62-Jährige nicht weniger als neun islamische Gebetshäuser - darunter auch die "Fatih-Moschee", die wohl größte und vielleicht auch schönste Norddeutschlands, mit Kuppel und Minarett - betrieben von Milli Görüs. Jetzt stellen ihn dafür Bremens Christdemokraten an die Wand. Doch der Islam-Beauftragte der Bremischen Evangelischen Kirche, Heinrich Kahlert, hält es für "sehr gefährlich", Milli Görüs pauschal auszugrenzen.

Das allerdings könnte bald geschehen, womöglich sogar staatlich verordnet. Mit dem geplanten Wegfall des Religionsprivilegs bei Vereinsverboten droht auch Milli Görüs die Zerschlagung. Womöglich ist das auch der tiefere Grund für das Angebot zur Mitarbeit am Mittwoch. Gleichwohl warnen Fachleute vor diesem Schritt. Es sei schließlich wie bei rechten Gruppen: Das Verbot führe nur zu neuen, häufig subtileren Gruppierungen, die noch schwerer unter Kontrolle zu bringen sind.

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